Ästhetische Himmel

„Straßenmusiker, Möbelpacker, Bauarbeiter“: Avishai Cohen 2015 by Andreas Terlaak cc 4.0 (cropped)

Avishai Cohen, Weltstar am Bass, spielt mit seinem Trio in der Christuskirche Bochum. Jazz aus Israel, höchstes Niveau, mit 0,00 € gefördert.

Er war der Bassist von Chick Corea, hat mit Bobby McFerrin gespielt, mit Herbie Hancock, Wynton Marsalis, Alicia Keys … Und hat dann, zurückgekehrt aus New York, seine eigene Stimme entworfen, mediterrane Sounds, arabische, sephardische. Latin, Rock und Soul. Elektro, Folk und Pop. „Israeli zu sein, heißt multikulturell zu sein“, sagt Avishai Cohen, aufgewachsen an der israelischen Grenze zum Libanon in einer Familie mit spanischen und griechischen, mit polnischen und arabischen Klangfarben. Jazz ist für ihn Alltag, ein Lebensstil, „ein ständiger Flirt mit Optionen“. Was ihn zu einem der erfolgreichsten Jazzer im Erdenrund gemacht hat.

Continue Reading

Bundestag diskutiert Ruhrbarone: Kulturmittel des Bundes für BDS? Selbst nach 10/7? Ja, sagt Claudia Roth

Claudia Roth | BKM-Pressefoto by J. Konrad Schmidt

1,8 Mio für sieben „internationale Produktionshäuser“, die angekündigt haben, den antisemitischen BDS als eine „Haltung“ zu präsentieren, die Ruhrbarone hatten berichtet. BDS ist Hamas-hörig. Im Bundestag hat die CDU/CSU-Fraktion den Bericht aufgegriffen und Claudia Roth befragt, Antwort: Es handele sich um „Musik, Literatur, Tanz und Theater“, die 1,8 Mio gingen raus. Und: Den Ruhrbaronen drohe eine Klage „wegen Verleumdung“.

Sieben Spielstätten zeitgenössischer Kultur, alle millionenschwer subventioniert, drei davon mit Mitteln des Landes NRW, haben sich –  ein halbes Jahr nach den infernalischen Massakern an Israelis  –  einen Code of Conduct gegeben, der regele, wie sie mit BDS verfahren, der Kulturabteilung der Hamas. Man sei gegen Antisemitismus und gegen Boykott, heißt es darin, und habe „rote Linien“ eingezogen. Die allerdings dazu führen, „dass wir auch weiterhin Künstler*innen im Programm haben werden, deren Grundwerte wir teilen und die gleichzeitig mitunter Haltungen vertreten, die wir nicht teilen – wie zum Beispiel die Unterstützung von Boykott-Bewegungen“. Hier Grundwerte, dort Haltungen? Antisemitismus ausschließen, um Antisemiten einzuladen? So ist es gedacht, zu den Grundwerten rechnen die sieben Spielhäuser die „uneingeschränkten Menschenrechte“, zu den Haltungen den Boykott von Menschen. Als Grundwert gelte „Antidiskriminierung“, der Boykott von Israelis dagegen sei Haltung. „Solidarität“ sei ein Grundwert, der mörderische Hass auf Juden wiederum, wie BDS ihn pflegt, sei eine Haltung, die „wir aushalten müssen“. Juden auch?

Continue Reading

Im Bunker. Ukrainer in Bochum #3

Die eigene Wohnung in Sichtweite | Foto privat

150 Meter trennten sie von ihrem Leben, zwei Meter Beton von ihrem Tod. Alla Ananieva hat die Massaker von Irpin überlebt. Was sie berichtet, ist grauenvoll. Und voller Liebe.

Eine Szene auf der Straße: Der Vater, seinen Sohn auf dem Arm, die Mutter mit dem Koffer, sie schießen dem Vater in den Kopf, der Sohn liegt im Blut seines Vaters. Dann eine Szene im Bunker, die Granate griffbereit an der Tür, Matratzen auf dem Boden verteilt, 73 Erwachsene sind da und 13 Kinder, 15 Brote und ein paar Garnelen, und sie aßen alle und wurden satt. Zwei Szenen, horribel wie von Hieronymus Bosch gemalt und wundersam wie aus der Bibel, Alla berichtet sie leise, besonnen, konzentriert. 52 Jahre alt, dreifache Mutter, Lehrerin für Physik, Geometrie und Kunst an einer Ganztagsschule in Irpin, ihre Tränen sind so diskret wie ihr Lächeln. Sie spricht ukrainisch, Liia (22) übersetzt, und hört man nur Allas Stimme, ohne zu verstehen, verströmt sie eine große Vornehmheit in dem, wie sie erzählt. Durch diese Vornehmheit hindurch aber lässt sich etwas anderes hören, eine tiefe Verwunderung. Darüber, wie unmöglich es ist zu verstehen, dass Menschen solche Dinge tun, unvorstellbar grausame, unvorstellbar sinnlose.

Continue Reading

Zwischen Barbarei und Zivilisation. Ukrainer in Bochum #2

„Den Fluss bewachen, um Kiew zu schützen“. Die Rosawa by Xsandriel cc 4.0

Unter Stalin verhungert, von den Russen erschossen. Vor den Deutschen geflohen, von den Russen gerettet. Vor den Russen geflohen, von den Deutschen gerettet. Was Vasyl Kulynych von seiner Familie erzählt, ist unfassbar wie das Jahrhundert, die Geschichte einer ukrainischen Familie.  

Allein der Ort seiner Geburt, Magnitogorsk im Ural, mehr als 2 ½ Tausend Kilometer von Kiew entfernt, es war im ersten Jahr nach Stalins Tod. Heute lebt Vasyl, 70 Jahre alt, mit Kindern und Enkelkindern in Bochum, sein Weg an die Ruhr ist einer durch ein Jahrhundert der Gewalt:

„Meine Großeltern habe ich nie kennen gelernt, sie starben vor dem Zweiten Weltkrieg  – die einen in der großen Hungersnot in der Ukraine, die 1932/33 von der kommunistischen Regierung künstlich erzeugt worden war …“   

dem geplanten Verhungern fielen mindestens drei und bis zu sieben Millionen Ukrainer zum Opfer, Ende November 2022 hat der Deutsche Bundestag den Holodomor (holod = Hunger, moryty = morden) ein Menschheitsverbrechen genannt  –

„… die anderen durch Armut oder kommunistische Kugeln. Der Vater meines Vaters wurde im Alter von 40 Jahren von den Kommunisten mithilfe eines konstruierten Vorwurfs am 5. Mai 1938 im örtlichen Gefängnis erschossen. In der außergerichtlichen Urteilsbegründung hieß es: ‚Zur Feier des 120. Geburtstags von Karl Marx – erschießen.‘ 1956 wurde mein Großvater posthum rehabilitiert.“

Da war Vasyls Vater 13 Jahre alt, drei Jahre später, im Juni 1941, fiel die deutsche Wehrmacht in Russland ein:

Continue Reading
Werbung


Eine Stadt, zwei Planeten, drei Jahre Krieg. Ukrainer in Bochum #1

„Man muss in das Bild hineinhören“: Ukraine im Herbst 2024 (c) Ruhrbarone

„Jeden Morgen aufwachen und lesen, wie viele Familien nicht mehr aufgewacht sind.“  Nacht für Nacht schlagen Raketen in ukrainische Häuser ein, Tag für Tag. Sie vernichten das Leben auch derer, die entkommen sind, Ukrainer im Haus nebenan. Öffentlich spielt kaum eine Rolle, was sie seit ewigen drei Jahren durchleben, die Wahl am Sonntag führt über sie hinweg, dafür braucht es keinen Trump. Wir haben Ukrainer in Bochum befragt, wie sie  –  einen Klick von Zuhause entfernt  –  auf ihr Leben blicken. Teil 1 einer formlosen Gesprächsreihe

„Wir alle leben im Spagat, zerrissen zwischen zwei Ländern: dort, wo unsere Lieben unter Raketen und Explosionen zurückgeblieben sind, und hier in einem friedlichen und schönen Land …“ Sagt Oksana* (43), promovierte Chemikerin, Lehrerin, zweifache Mutter: „Sobald ich gedanklich in jene schrecklichen ersten Tage des Krieges eintauche oder mich einfach an mein wunderschönes, einst glücklichstes Leben erinnere, stürze ich in die Hölle eines unerträglichen Schmerzes. Mein ganzes Leben vor meiner Ankunft in Deutschland war von absolutem Glück erfüllt. Jeden Morgen, wenn ich aufgewacht bin, habe ich geprüft, ob die Freude noch in mir war  –  und sie war immer da. Ideen kamen und wurden wirklich, als würde mich eine höhere Kraft auf Händen tragen.“

Dann Putins Angriff, drei Jahre her, seitdem lebt Oksana mit dem Wissen, „dass es Menschen gibt, die meine Familie töten wollen.“ Dann dieser Satz:

Continue Reading

Antisemitismus-Resolution des Bundestages: Fördert Claudia Roth Häuser, die angekündigt haben, Judenhass zu produzieren?

Claudia Roth by PantheraLeo1359531 CC-BY 4.0

Eigentlich sollten sie aus der Förderung des Bundes fliegen. Kurz vor Kassenschluss zahlt Claudia Roth ihnen wohl doch 1,8 Mio aus, was kümmert die Antisemitismus-Resolution des Bundestages. Sieben Kulturinstitute, drei davon aus NRW, hatten zuvor erklärt, sie würden BDS präsentieren, Holocaust hin, Massaker her.

Das „Bündnis internationaler Produktionshäuser“, ein Verein mit sieben Mitgliedern, darunter PACT Zollverein Essen, das Forum Freies Theater in Düsseldorf sowie das dortige Tanzhaus NRW, war im Kulturhaushalt des Bundes bereits von fünf Millionen auf Null zurückgestellt, dann brach die Ampel entzwei und das Beziehungsgeschäft an. Vier Tage vor dem Holocaust-Gedenktag vermeldete der WDR, es solle nun doch 1,8 Millionen Euro Förderung aus dem Haushalt von Claudia Roth (Grüne) geben, das habe die Sprecherin des Vereins, Katrin Dod, bestätigt: „Damit könne die Arbeit erst einmal weitergehen.“ Was Dod eine „eine gute Nachricht“ nennt, griechisch Evangelium, wirft Fragen auf.

Continue Reading

5 Millionen Dollar für Anschläge auf Juden: Ramin Yektaparast und der iranische Terror an der Ruhr

Ramin Yektaparasts Instagram Screenshot (Ausschnitt) vom 6.6.2024

Das iranische Reich, fromm wie das Dritte, greift ins Ruhrgebiet über, Reichsstatthalter hier war Ramin Yektaparast: Ex-Bandidos, Ex-Hells Angels, jetzt tot. Und sein Netzwerk? Die scharfen Schüsse auf das Rabbinerhaus in Essen, der Brandanschlag auf die Synagoge Bochum  –  hält eine Waffenruhe auch an der Ruhr?

Ein 11. September fürs Ruhrgebiet, womöglich war das die Idee: drei Terroranschläge auf drei Synagogen in einer Nacht. Orchestrierte Attacken wie in New York 2001, von denen zwei  –  die in Bochum und Essen  –  ausgeführt wurden, die in Dortmund blieb unverübt, unklar bis heute, ob mitgeplant. Ins öffentliche Bewusstsein hat sich die Terrorattacke vom 17. November 2022 nicht eingesenkt, was daran liegen mag, wie stümperhaft sich Babak J. angestellt hat, zuständig für den Anschlag in Bochum, er schleuderte seinen Brandsatz auf das Gebäude nebenan. Dümmlicher Fehlwurf oder ausgekochte Strategie? Sein Auftraggeber, der Deutsch-Iraner Ramin Yektaparast, soll fünf Millionen US-Dollar kassiert haben für die Attacke.

Continue Reading

Claudia Roth in Odessa, Klebstoff in Berlin: Wofür es sich zu kämpfen lohnt und wofür nicht

Odessa: Die Verklärungskathedrale nach dem russischen Bombenangriff Juli 2023 by National Police of Ukraine cc 4.0

125 Künstler ermordet, 100.000 Kulturorte zerstört, 1,7 Millionen Kulturgüter geraubt. Putin will die Ukraine auslöschen, selbst noch die Erinnerung an sie. Und die Förderkultur in Deutschland? Schnüffelt sich an die AfD heran.

„Was Demokratie für einen Glanz haben kann.“ Claudia Roth, Kulturstaatsministerin, lag oft daneben, hier trifft sie den Punkt: „Haben wir wirklich eine Vorstellung davon, wie wir uns verhalten würden, wären wir in so einer Situation wie die Ukraine?“ Wo sich Kultur „hinter Holzverschläge, Sandsäcke und Panzersperren“ retten muss, um spielen zu können? Im Sommer 2022, der Krieg war ein halbes Jahr alt, war Roth die erste in der noch amtierenden Regierung, die in die Ukraine gefahren ist, sie hat Odessa aufgesucht, die europäische Kulturmetropole. Jetzt war sie erneut in der Stadt, Tobias Rapp hat sie für den SPIEGEL begleitet, er beschreibt einen Anfahrtsweg „im schwer gepanzerten Jeep“, mit dem man es bis dicht an den Ticketschalter eines Konzertsaals schafft oder eines Museums oder Theaters, wo sich die Anzahl der Tickets daran bemisst, wie viele Plätze der Luftschutzkeller bietet.

Continue Reading
Werbung


Memento Odesa. Eine Hommage

Memento Odesa: Sebastian Studnitzky und Odesa Symphonic Orchestra by (c) Alina Dichkova

„Odesa ist eine wahnsinnig schöne Stadt, die Sonne hat geschienen, man hat ständig vergessen, dass Krieg ist. Und abends gingen die Sirenen los.“ Das Odesa Philarmonic Orchestra spielt in der Christuskirche Bochum zusammen mit dem Pianisten Sebastian Studnitzky eine Hommage an die Stadt und ihre Bewohner, an die Ukraine und ihre Kultur. Und an die europäische Idee.

Continue Reading

„Ich kann nichts mehr ausschließen“. Eine Stadt 86 Jahre nach dem Pogrom

„Gegen das Vergessen“: 8. November auf dem Otto-Ruer-Platz Bochum by thw

86 Jahre liegt das Pogrom zurück, in Bochum erinnerten Schüler an einen, der seine Vernichtung überlebt hatte, Siegbert Vollmann. Er war zurückgekehrt in eine Stadtgesellschaft, die ihn ausgestoßen hatte. Hat er, der Vertriebene, ihr vertraut, nicht vertraut? Frage von Grigory Rabinovich, Stimme der jüdischen Bochumer heute: „Brüssel, Bochum, Amsterdam?“

Eine verunsicherte Gesellschaft, die sich am Vortag des 9. Novembers dort zusammenfand, wo einmal eine Synagoge gestanden hat in Bochum, beim Pogrom 1938 war sie niedergebrannt worden so wie rund 1400 Synagogen im Land. Im vergangenen Jahr,

Continue Reading
1 2 3 14