Mars in Bochum gelandet

Mars in der Christuskirche by thw

Das Universum. Und Bochum. Und eine Kirche, in deren Fokus ein Buch liegt, in dem steht: „Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“ Und die Planeten. Und den Mars. Die Gott „an die Feste des Himmels geschraubt“ habe, so steht es in der Bibel, es war ein Affront für alle, die glaubten, sie müssten an Sterne glauben und Planeten anbeten und die Sonne zuerst und darum auch alle Leute, die sich als Sonnengötter gaben. Alle Leuchten nur angeschraubt, alles lösbare Probleme. „Und Gott sah, dass es gut war.“ Drei Tage und 5783 Jahre später nach jüdischem Kalender sind einige dieser Planeten tatsächlich abgeschraubt und kommen nach Bochum und der Mars direkt in die Christuskirche: als Kunstwerk von Luke Jerram, britischer Künstler.

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„Nie wieder BDS“: Claudia Roth kehrt um (nach all den Jahren)

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Stephan Röhl , Heinrich-Böll-Stiftung cc 2.0 

Auf der Jewrovision, dem ESC der jüdischen Jugend, trat Claudia Roth (Grüne) noch aggressiv inhaltsfrei auf, jetzt hat sie „ein paar Prinzipien“ ihrer Kulturpolitik nachgereicht: „Ich lehne Boykotte gegen Menschen oder Menschengruppen ab“, sagte die Kulturstaatsministerin am Freitag in Berlin, „wer dafür werben will, mag das tun, aber nicht bei uns“. Konkret: „Wir fördern keine Veranstaltungen, auf denen für den BDS geworben wird oder Ziele des BDS vertreten werden.“ Klare Ansage. 

Anlass ihrer Grundsatzrede: die Wiedereröffnung des „Haus der Kulturen der Welt“ unter dessen neuen Intendanten Bonaventure Ndikung. Roths Rede (hier nachzulesen) merkt man vom ersten Satz ab an, das sich da jemand, anders als für ihre Rede an die jüdische Jugend der Republik, einige Mühe gegeben hat, sie liest sich wie ein dreifaches Nie wieder: nie wieder Judenhass als Kunst getarnt wie auf der Documenta, nie wieder ausgebuht werden wie zuletzt auf der Jewrovision, nie wieder BDS. Roths Gedankengang:

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Claudia Roth: Grünes Licht für Judenhass

Claudia Roth by PantheraLeo1359531 CC-BY 4.0

Ausgebuht, ausgeträumt: Claudia Roth, Kulturstaatsministerin, wurde bei der „Jewrovision“, dem popkulturellen Wettbewerb für junge Juden, glattweg von der Bühne gepfiffen. Roth stand da, wo ein paar Tage später Roger Waters stehen wird. Da, wohin ein paar Jahre zuvor tausend Juden geprügelt worden waren und von dort aus in die Lager. Roth ging mit keinem Wort auf Waters Antisemiten-Show ein, sie textete was von „bunt“ und „vielfältig“ und „queer“. Und von „Weltoffenheit“. Ausgerechnet. So nennt sich die steuerfinanzierte Kultur-Initiative, die der antisemitischen BDS-Kampagne, von Roger Waters propagiert, den Weg zu Fördertöpfen ebnen will. Einer Initiative, der Roth nichts entgegenstellt. Ihr Auftritt? Ein Abgesang. Am Ende empfiehlt die Staatsministerin allen jungen Juden, dieses Land besser zu verlassen.

In einer Woche das BDS-Konzert von Roger Waters, jetzt ein Pfeifkonzert für Claudia Roth (Grüne): Mehr als fünf Minuten redete die Kulturstaatsministerin gegen gellende Pfiffe und inständige Buhrufe an, kein Durchkommen für sie. Gut zweitausend junge Juden, die sich zur „Jewrovision“ in Frankfurt getroffen hatten, dem Tanz- und Musikwettbewerb jüdischer Jugendzentren, waren keine Sekunde bereit, der grünen Staatsministerin etwas nachzusehen. Die Liste der Irritationen, die Roth in der jüdischen Community ausgelöst hat, ist lang, das Vertrauen in ihre Verlässlichkeit hörbar verloren.

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Roger Waters (BDS) vor Gericht: Zahlt sich Antisemitismus aus im Kulturbetrieb? Für wen? Und warum?

Antisemitismus vor leeren Rängen? Das Narodni Divadlo in Prag by Jorge Ryan cc 3.0

„Israel-Kritik!“, „Tod Israel!“, „Tod den Juden!“ Gibt es ein Menschenrecht darauf, den Hass zu betrommeln, den BDS vorsingt? Möglicherweise, Roger Waters lässt die Frage vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt verhandeln. Die eigentliche Frage, die der Ex-Pink Floyd vorlegt: Gibt es genügend Leute, die Israel-Hass in Kauf nehmen, wenn sie Tickets kaufen für Kultur? Was sich bisher sagen lässt: Roger Waters hat verloren, auch wenn er vor Gericht gewinnt, nur was dann? Übernimmt dann Amelie Deuflhard? Deren „Initiative Weltoffenheit“, durchweg staatsfinanziert, bastelt sich ihren eigenen BDS, den will sie weiter hassen lassen, es verspricht Glück.

„Wenn selbst jemand wie Waters nicht daran gehindert werden kann, seinen Israel- und Judenhass öffentlich zu verbreiten, dann werden viele in der jüdischen Gemeinschaft sich fragen, ob das Recht den Schutz für Antisemitismus höher gewichtet als den Schutz vor Antisemitismus.“ So Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, nachdem der dortige Stadtrat im März entschieden hatte, das Konzert von Roger Waters, dem Brüllwürfel des BDS, nicht abzusagen. Drei Überlegungen zu Charlotte Knoblochs Satz:

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Berlin: BDS ruft zum Mord an Juden auf

Demonstration in Berlin Foto: Screenshot democ-Video

Wer es einem wie Hartmut Dorgerloh vom Humboldtforum oder Stefan Hilterhaus von PACT Zollverein oder wie das Düsseldorfer Schauspielhaus  –  Aufsichtsratsvorsitzende ist die NRW-Ministerin für Kultur, Ina Brandes  –  nach der jüngsten Hass-Demo in Berlin noch immer vorfabeln will: BDS, die antisemitische Hetzkampagne,  ist weder „gewaltfrei“ noch „kritisch“ noch boykottiert sie irgendwas, BDS fordert „Tod, Tod Israel!“. Und: „Tod den Juden!“ Die Kulturrepublik, die sich, von Claudia Roth ministriert, als „Initiative Weltoffenheit“ inszeniert, spielt mit deren Leben.

Zwei Dinge unterscheiden BDS, die angebliche Boykottkampagne gegen Israel, vom mörderischen Judenhass der Nazis: der Style ihrer Klamotten und das Vermögen, ihr Polit-Programm in die Tat umzusetzen, ansonsten kommen sie zur Deckung: Die Nazis marschierten durch Berlin und brüllten, „Blut muss fließen knüppelhageldick, wir pfeifen auf die Freiheit der Judenrepublik!“; BDS marschiert durch Berlin und brüllt „Tod den Juden“. So geschehen am Sonnabend auf der brutal verhetzenden Hass-Demo, die am helllichten Tag quer durch Neukölln zog und  –  ungehindert von der Polizei  –  den Terrormord an Juden propagierte. BDS mittendrin, das zeigt ein Video von democ, dem „Zentrum demokratischer Widerspruch“, einem Zusammenschluss von Journalisten und Wissenschaftlern, die demokratiefeindliche Bewegungen beobachten:

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Johannes-Passion: Ziemlich staatskritisch

Stadtkantorei Bochum, Bochumer Symphoniker by Sabine Hahnefeld

Der Tag heute, Karfreitag, erinnert an einen, der gefordert hatte, dem Staat zu geben, was des Staates ist und ihm zu entziehen, was Gottes ist. Seltsam, wenn Leute, die sich als staatskritisch verstehen, heute einen Staatsmord betanzen und befeiern. Anders die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, sie ist, hört man sie kritisch, ziemlich staatskritisch. Wenn sowas heute als Feiertag gilt … Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion. Stadtkantorei Bochum, Bochumer Symphoniker. Christuskirche Bochum 17 Uhr

„Religionsfrei im Revier“: Antisemitisches Abgeiern?

9. November 1969: Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus West-Berlin | Foto Peter Kuley cc 3.0 (Ausschnitt)

Dass Juden wie die Nazis seien, der jüdische Staat wie Hitlers Reich und Palästinenser die Juden von heute, dieser Aussage stimmt jeder dritte Bundesbürger zu, jeder Vierte geht in sich, dann kreuzt er „weiß nicht“ an. Die Bochumer „Initiative Religionsfrei im Revier“ weiß es wohl, sie setzt diesen Klassiker des Judenhasses leinwandgroß in Szene und erklärt, man müsse sich endlich von „Bevormundung“ befreien. Kommt einem bekannt vor, diese Art von „Befreiung“, ist das Dieter Kunzelmann? Ruangrupa? Oder gleich Lisa Eckhart.

Einige Zeit war es amüsant: Die Bochumer „Initiative Religionsfrei im Revier“ hatte entdeckt, dass ausgerechnet „Das Leben des Brian“, Monty Pythons Filmkomödie aus dem Jahr 1979, auf dem Feiertagsindex der FSK steht, der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Was in der Tat slapstickreif ist: Die britische Parodie auf das Leben Jesu  –  zugleich eine auf die Post-68er Linke  –  wird in theologischen Kreisen hochverehrt, und falls der Film tatsächlich religiöse Gefühle verletzt, sind es solche, die entstehen, wenn man sich selber beim Lachen erwischt. Seit inzwischen zehn Jahren wird „Brian“ am Karfreitag  –  einem von vier stillen Feiertagen in NRW, an denen besondere Einschränkungen gelten  –   in Bochum aufgeführt, slapstickreif also auch, dass die, die sich für religionsfrei halten, Jahr für Jahr am kirchlichen Feiertag ins Kino wallen wie das frömmste Mütterchen in seine Kirche, nur um sich pflichtschuldig „Brian“ reinzuziehen. Als stellten sie  –  „Folgt der Sandale!“  –  den Monty Python-Klassiker nach, jetzt allerdings ohne Witz: Das Lachen ist kein spontanes mehr, kein freies, weil ungewolltes, es ist ein gesolltes Lachen. Verordnet wie eine Feiertagsverordnung, die „Initiative Religionsfrei im Revier“ hantiert mit Monty Pythons Film auf dieselbe Weise, wie die FSK es tut, beide geben sie vor, wie man „Brian“ zu verstehen habe, beide legen sie das Werk in ein politisches Geschirr, beide verzwecken sie Kunst.

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Roger Waters und das „J“ im Pass, den BDS stempelt

Felix-Nussbaum (1904-1944), Selbstporträt mit Judenpass, Öl auf Holz 56 x 49 cm, um 1943 (Ausschnitt)

Er kämpfe für BDS, weil BDS für Menschenrechte kämpfe, sagt Roger Waters. BDS sagt, man kämpfe gegen Juden. Wie es aussieht, will Waters vor Gericht ziehen, um klären zu lassen, ob er ein Antisemit sei oder doch.

Noch ist offen, ob Roger Waters, Ex-Bassist von Pink Floyd, alle sechs Farewell-Konzerte in fünf deutschen Großarenen wird geben können. Am 24. Februar hatten die Stadt Frankfurt und die hessische Landesregierung angekündigt, das für Ende Mai geplante Konzert des Ex-Bassisten von Pink Floyd abzusagen, man werde den Vertrag mit Waters Agentur „unverzüglich aus wichtigem Grund außerordentlich kündigen“. Das Kündigungsschreiben werde derzeit vorbereitet, berichtet die FRANKFURTER RUNDSCHAU, noch lassen sich Tickets für Waters Konzert in der Festhalle Frankfurt kaufen, aktueller Preis: 465,72 €. Auch in München lässt die Stadt die Möglichkeit prüfen, Waters Konzert in der städtischen Olympiahalle abzusagen.

Vergangene Woche nun teilte Waters über seine Anwälte mit, er werde alle Versuche, „ihn zum Schweigen zu bringen“, anfechten und für sein „Menschenrecht auf Meinungsfreiheit“ vor Gericht ziehen: Die geplanten Konzertabsagen, so die Kölner Kanzlei Höcker, „beruhen auf der falschen Anschuldigung, Roger Waters sei antisemitisch, was er nicht ist“. Um zu klären, ob Waters seine Konzerte spielen kann oder nicht, muss also, Waters Anwälten zufolge, erstens geklärt werden, wer es ist, der da spielen will, ob ein Antisemit oder keiner, und zweitens, ob Antisemitismus als „wichtiger Grund“ gelte, Waters die Tür zu weisen.

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Versöhnung kann verletzen. Nachruf auf Antje Vollmer

Antje Vollmer by Jim Rakete

Dass etwas „traumatisch“ sei, wird derzeit von jedweder Kränkung behauptet, das Wort wird wie ein Flaggensignal geschwenkt, als könne es den politischen Dialog dirigieren. Anders die Erfahrung, die Antje Vollmer einer demokratischen Politik vermacht: Wo es um tatsächliche Traumata geht, springen sie über auf eine Politik, die den Ausgleich sucht. Politische Verständigung kann heilen und ebenso verletzen. Antje Vollmer, gelernte Theologin, dann Grüne, dann Bundestags-Vize, ist vergangene Woche gestorben, sie wurde 79 Jahre alt.

Wäre bundesdeutsche Politik eine Familie, säße Antje Vollmer wie Helmut Kohl am Tisch: Bevor man selber über die Tischkante  gucken konnte, war sie da und war es mit der Zeit beruhigend, sie dort zu wissen gerade dann, wenn man entschieden anderer Meinung war: 2018 hat sie sich „Aufstehen“ angeschlossen, dem Starprojekt rund um die Noch-Linke Sahra Wagenknecht; 2020 unterstützte sie die „Gruppe Neubeginn“, die „linke Vertreter der Eltern- und Großelterngeneration“ mit der „jungen Generation“ verbünden wollte und gleichzeitig  „‘Mitte‘ und ‚Unten‘“ gegen eine „‘Zweidrittelgesellschaft‘“; zuletzt hatte Vollmer das von Wagenknecht und der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer initiierte „Manifest für Frieden“ erstunterzeichnet, das davon ausgeht, man könne mit Putin über „Frieden“ verhandeln wie mit jedem anderen vernunftgeleiteten Menschen.

Abwege zu ertasten, ist notwendig in einer Demokratie. Man kann dieses Ertasten als politisch naiv abtun, naiv war Vollmer nicht:

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„Weltstar auf seine Weise“: Kurt Dahlke, Pyrolator

Kurt „Pyrolator“ Dahlke im „Niemandsland“, seinem 22er Album

Ohne ihn hätte es Anfang der 80er niemals die Neue deutsche Welle gegeben, wie es sie gab, und heute keine Independent-Musik in Deutschland, wie es sie gibt. Sven Regener, Kopf von Element of Crime, nennt ihnen einen „Weltstar auf seine Weise“. Am Sonntag live im urban urtyp Kubus in der Christuskirche Bochum.

„‚Ich bin der Kurt und hab‘ da eine neue Platte gemacht‘.“ Der Satz habe nie überzeugend geklungen, sagt Kurt Dahlke, und noch weniger, wenn man wie er ein Plattenlabel betreibt. Also wurde Kurt spontan umbenamt, das ist vier Jahrzehnte her, seitdem ist er “Pyrolator” und Pyrolator eine Legende der deutschsprachigen Popmusik: Gründungsmitglied der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, Keyboarder bei Fehlfarben und bei Der Plan, Mitbegründer des Musiklabels Ata Tak … Bundesdeutsche Kulturgeschichte, Dahlkes Synthie-Sounds sind auf kaum gezählten Alben zu hören und so auch auf einem halben Dutzend, die Element of Crime mit ihm eingespielt haben, die erfolgreichen Punk-Chansonniers aus Berlin. 

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