
In Kalkar arbeitet die Luftwaffe am Schutz des NATO-Gebiets.
Keine startenden Jets, keine Start- und Landebahnen und nur ein aufgebockter historischer Starfighter am Eingang. Die Erwartungen, die Besucher an einen Luftwaffenstützpunkt stellen, erfüllt die nach dem preußischen Kavalleriegeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz benannte Kaserne in Kalkar nicht. Und doch ist das, was hier passiert, entscheidend für die Luftkriegs- und Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik.
Die Daten aller Flugbewegungen laufen hier zusammen. Kalkar ist vernetzt mit allen Luftwaffenstützpunkten in Deutschland. Die Leitungen sind abhörsicher. Was am Himmel geschieht, kann von hier aus nicht nur beobachtet werden; auch Gegenmaßnahmen können geplant, koordiniert und überwacht werden. In Kalkar ist das Gehirn der Luftwaffe; hier laufen die Bahnen ihres zentralen Nervensystems zusammen.
Hier hat das Zentrum Air Component Command (ACC) seinen Sitz. Der Gefechtsstand ist im nahen Uedem; in der Kaserne selbst befindet sich ein Ausweichgefechtsstand für den Fall, dass Uedem, aus welchen Gründen auch immer, ausfällt. Hier laufen die Planung und Führung der Luftwaffe zusammen. Uedem, wo die operative Hauptarbeit geleistet wird, ist rund um die Uhr im Betrieb, und eine Besichtigung aus Gründen des Geheimschutzes ist nicht möglich. Aber was dort gearbeitet wird, kann man in der Von-Seydlitz-Kaserne sehen. Anfang Februar besuchten Generalleutnant Ingo Gerhartz, als Inspekteur der Luftwaffe, der Vorgesetzte der gesamten Waffengattung, und Nils Hilmer (SPD), Staatssekretär im Verteidigungsministerium, den Standort. Verteidigungsminister Boris Pistorius brachte Hilmer aus dem Innenministerium in Niedersachsen mit, als er die Führung der Bundeswehr Anfang 2023 übernahm. Sie schauten sich den Kalkarer Beitrag zur Zeitenwende an, der Teil der von Pistorius angestoßenen Reform der Bundeswehr ist. Und die hat ein Ziel: Kriegsfähigkeit. Gerhartz nennt es diplomatischer „Kaltstartfähigkeit“. Die Luftwaffe soll zu jedem Zeitpunkt auf jede Herausforderung reagieren können. Nils Hilmer macht deutlich, warum diese Kaltstartfähigkeit für das Land überlebenswichtig ist: „Die Bedrohung der NATO ist real. Die Rekonstituierung der russischen Streitkräfte läuft auf Hochtouren.“ Russland habe längst auf Kriegswirtschaft umgestellt. Pro Jahr liefen dort mehr als 1.000 Kampfpanzer vom Band. „Wir müssen davon ausgehen, dass die russischen Streitkräfte bis Ende des Jahrzehnts in der Lage sind, NATO-Territorium anzugreifen.“

Generalleutnant Thorsten Poschwatta, der Leiter des Air Component Command Kalkar, will das verhindern: „Abschreckung bedeutet nicht weniger, als seinem Gegenüber klarzumachen, dass ein Angriff keine Aussicht auf Erfolg hat beziehungsweise mit für ihn inakzeptablen Kosten verbunden ist. Dazu werden wir hier am Niederrhein künftig einen noch größeren Beitrag leisten.“ Man müsse nun für die Zukunft gerüstet sein.
Wie das praktisch aussieht, erklären Offiziere anschließend anhand eines fiktiven, aber realistischen Szenarios: Russische Truppen haben sich nach einem Manöver an den Grenzen der baltischen Staaten und Polens nicht wieder in ihre Kasernen zurückgezogen. Im Gegenteil: Sie erhalten neues Material und werden verstärkt. Die NATO fürchtet entweder einen Angriff auf die baltischen Staaten oder die Suwalki-Lücke. Die Suwalki-Lücke liegt im Dreiländereck Litauen-Polen-Belarus. Die russische Enklave Kaliningrad, das frühere Ostpreußen, ist nur 65,4 km Luftlinie von Russlands Satellitenstaat Belarus entfernt. Bricht Russlands Armee hier durch, wären die baltischen Staaten von Polen und damit vom NATO-Gebiet auf dem Landweg getrennt.
Doch nicht nur die militärische Lage gibt in dem Szenario Anlass zur Sorge. Denn gleichzeitig intensiviert Russland auf allen Kanälen seine Propaganda: Die NATO plane, so tönt es über alle Kanäle, das friedliche Russland anzugreifen, das sich nun darauf vorbereitet, sich zu verteidigen. Mit einer solchen Mischung aus Propagandalügen und Aufmarsch wurde 2022 der Angriff Russlands auf die Ukraine vorbereitet.
In Kalkar würden in so einem Fall Abschreckungsmaßnahmen geplant, die man der Politik als Reaktionen vorschlagen kann. Russland soll von einem Angriff auf NATO-Gebiet abgehalten werden. Ziel ist es, einen Krieg zu verhindern. Nicht nur militärisch, sondern auch psychologisch und diplomatisch, ist das keine einfache Aufgabe: Russland soll abgeschreckt, aber nicht provoziert werden und seine Truppen zurückziehen können, ohne einen Gesichtsverlust zu erleiden. Zwei Szenarien würde Kalkar der Politik vorschlagen: Sie heißen in dem Planspiel „Langer Atem“ und „Schwert und Schild“. Sehr defensiv ist „Langer Atem“ ausgerichtet. Die Luftwaffe würde mehr Flugzeuge als üblich aufsteigen lassen, die Zahl der Patrouillenflüge in Deutschland würde sich erhöhen. Die Luftwaffe würde das Bundesgebiet nicht verlassen und Russland zeigen, dass sie die Bereitschaft erhöht hätte. Sie könnte das mit einem überschaubaren Einsatz ihrer Ressourcen über einen längeren Zeitraum durchhalten. Empfehlen würde die Luftwaffe im geschilderten Fall allerdings „Schwert und Schild“, die härtere Variante.

In Zusammenarbeit mit Polen, Dänemark und Schweden würde die Luftwaffe ein Manöver durchführen, bei dem sie in einem Angriff auf einen polnischen Truppenübungsplatz ihre Fähigkeiten demonstrieren. „Show of Force“, die eigene Macht zu zeigen, ist das Ziel von „Schwert und Schild“. Es geht darum, dem Feind die eigene Stärke zu zeigen, ihm klarzumachen, dass man bereit für den Einsatz ist. In jedem Augenblick. Allerdings würde man Russland, bevor auch nur ein Flugzeug startet, informieren, dass man keinen Angriff plant. Und alles würde in einem deutlichen Abstand zur Enklave Kaliningrad passieren. Das Ziel ist es, einen Krieg abzuwenden. Aber das Manöver würde zeigen, dass man bereit ist, die NATO zu verteidigen. Zum Einsatz kämen Eurofighter als Bomber, die von anderen Eurofightern geschützt werden würden. Der Eurofighter ist ein Mehrzweckkampfflugzeug, das verschiedene Aufgaben übernehmen kann. Mit ECR, einer elektronischen Störtechnologie, ausgestattete Tornados hätten die Aufgabe, die gegnerische Luftabwehr zu stören. Eine Drohne und AWACS-Flugzeuge würden die Aufklärung übernehmen, Tankflugzeuge dafür sorgen, dass keine Zwischenlandungen notwendig sind. Zudem würden an der deutschen Ostgrenze zwei Patriot-Systeme zeigen, dass auch der eigene Luftraum geschützt wird. In Kalkar würden sie nicht nur die notwendigen Ressourcen zusammenstellen, sondern auch die Wetterverhältnisse auf der Erde und im Weltraum beachten – kurzum alles, was Einfluss auf die Flüge hat.
Solche Szenarien könnten sie aus dem Stand der Politik vorlegen, sagt Generalmajor Michael Hogrebe, der stellvertretende Kommandant des Air Component Command. Man wäre rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr darauf vorbereitet. Der Vorteil der Luftwaffe sei, dass sie schnell und flexibel handeln könne: „Wir könnten bei ‚Schwert und Schild‘ bewaffnet oder unbewaffnet fliegen“, sagt Hogrebe. Viele Varianten seien schnell umsetzbar.
Nun liegt es an der Politik, die Luftwaffe so auszustatten, dass sie gegen Russland auch bestehen kann, wenn der Ernstfall eintritt. Denn dann geht es nicht um einen Angriff zur Abschreckung, sondern um Luftkämpfe über viele Wochen und Monate. Und dafür ist Deutschland nicht vorbereitet. Allein um das defensive Konzept „Langer Atem“ umzusetzen, benötigt die Luftwaffe 22 Eurofighter, um den deutschen Luftraum über mehrere Tage in Schichten für Russland sichtbar zu befliegen. 138 davon hat die Luftwaffe nach eigenen Angaben. Sollte Russland tatsächlich angreifen, ist das keine beeindruckende Zahl. Auch bei der Luftwaffe ist, wie überall bei der Bundeswehr, alles auf Kante genäht. In Kalkar arbeiten sie mit den Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, und machen das Beste daraus.
Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereist in der Welt am Sonntag