Europäer voller „Tatendrang“: Im Gespräch mit Theresia Töglhofer über ihren Debütroman

Im Gespräch über Tatendrang: Theresia Töglhofer (l.) und Anna Maria Loffredo (r.), Foto: Anna Maria Loffredo

Im Spannungsfeld europäischer Politik und Lobbyinteressen, zwischen Intrigen und Schatten-Netzwerken gibt es eine kleine Gruppe Young Professionals, die einen der begehrten Praktikumsplätze in der Europäischen Außenzentrale anstreben. Getrieben von „Tatendrang“, wie der Titel des Debütromans akzentuiert, erzählt die Schriftstellerin Theresia Töglhofer von Idealismus, Naivität und auch politischem Strategentum der nächsten Generation Politelite. Wie nah Niederlage und Erfolg in der Karriereplanung auf dem europäischen Parkett beisammen liegen, darüber habe ich mit der Autorin in Berlin gesprochen, ihrer Wahlheimat. Demnächst ist die gebürtige Österreicherin bei zwei Lesungen in NRW anzutreffen.

Anna Maria Loffredo: Du bist ordentlich dekoriert mit Stipendien und Auszeichnungen Theresia, Kompliment dazu. Warum hast du dich für die Erzählform „Roman“, erschienen im Residenz Verlag, entschieden und stattdessen nicht für eine wissenschaftliche Promotion?

Theresia Töglhofer: Ursprünglich wollte ich eine Promotion schreiben und dann habe ich gemerkt, Hand aufs Herz, was ich wirklich schreiben möchte, ist ein Roman. Es liegt daran, dass ich immer schon als Kind literarische Texte geschrieben habe. Ich habe Geschichte studiert und internationale Beziehungen und das Schreiben hat seinen Platz in meinem Leben eingefordert. Ich habe schon viele Policy Briefs zu Europathemen geschrieben, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich die Idee des gemeinsamen europäischen Projekts in einer freien Form viel besser ergründen kann. Es ist kein Thesenroman, es werden nicht mit erhobenem Zeigefinger fünf Thesen zur Zukunft Europas beschrieben, sondern für mich ging es um eine literarische Auseinandersetzung mit Europa.

Anna Maria Loffredo: Wie viel Realpolitik, wie viel Fiktionalität ist dabei? Und wie viel steckt von dir in dem Roman?

Theresia Töglhofer: Die Geschichte ist erfunden, aber sie schwebt immer gut vier Millimeter über dem Boden der Tatsachen. Im Mittelpunkt steht eine Praktikantin in Brüssel, Hanna, die in der Europäischen Außenzentrale arbeitet und gemeinsam mit jungen NGO-Aktivisten an einem Grenzfluss im Südosten Europas ein Projekt machen soll, das – so viel kann ich verraten – nach und nach außer Kontrolle gerät. Viele Versatzstücke aus der Realität sind darin enthalten und es wurde auch einiges inspiriert von meiner Arbeit im europolitischen Bereich.

Anna Maria Loffredo: Mir ist aufgefallen, dass überhaupt keine Ländernamen in Deinem Roman auftauchen. Man weiß nie genau, wo man sich gerade befindet oder woher die Personen stammen.

Theresia Töglhofer: Genau, ich habe auch keine nationalen Zugehörigkeiten wie Österreicher, Deutsche, Franzosen oder Polen verwendet, weil ich das Gefühl hatte, dass die Protagonisten, die in Brüssel leben und arbeiten, eine gemeinsame Geschichte haben. Die nationale Zugehörigkeit ist im Endeffekt zweitrangig. Ich wollte auch nationale Klischees vermeiden, den fleißigen Deutschen gegenüber dem faulen Italiener; oder noch schlimmer: man dreht die Klischees um und dann hat man den faulen Deutschen und die fleißige Italienerin, wobei der Versuch, mit dem Klischee zu brechen, es nur weiter verstärkt. Das waren eigentlich alles Formen, die mir überholt und die für die Geschichte gar nicht relevant schienen.

Anna Maria Loffredo: Dennoch versuchst Du das Thema Europa zu konturieren.

Buchcover Tatendrang von Theresia Töglhofer, Foto: Residenz Verlag

Theresia Töglhofer: Ein ganz großes Thema beim Schreiben des Romans war diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, also zwischen dem Anspruch eines geeinten Europas, in dem alle in Frieden, Wohlstand und Freiheit leben können, und dem, was davon in Realität übrig bleibt, vor allem, wenn man in jene Teile Europas schaut, die weit weg von Brüssel sind. In der Geschichte gibt es dieses Leuchtturmprojekt, das Hanna und eine Gruppe junger Menschen umsetzen sollen. Mich hat dabei interessiert, was passiert, wenn man ein großes Ziel wie Völkerverständigung oder die Förderung junger Menschen nimmt und es runterbricht auf ein konkretes Projekt. Es geht um die Frage, ob trotz des Tatendrangs oder vielleicht sogar wegen des ganzen Tatendrangs sich am Ende womöglich doch nicht so viel ändert.

Anna Maria Loffredo: Du hast stilistisch kurze Sätze gemacht, nie länger als zwei Zeilen. War das eine bewusste Entscheidung?

Theresia Töglhofer: Das ist intuitiv passiert. Beim Schreiben habe ich sehr viel gekürzt. Schreiben steht bei mir auch dafür, sehr vieles wegzulassen.

Anna Maria Loffredo: Das ist eine reife Leistung.

Theresia Töglhofer: Danke, danke. [lacht] Also ich hatte viel Opulentes und dann gemerkt, dass es aber auch funktioniert, wenn ich diesen Satz weglassen würde. Es ist hilfreich, zuerst ein Gerüst zu bauen. Sobald man merkt, dass man das Gerüst nicht mehr braucht und die Sätze alleine stehen können, kann man kürzen.

Anna Maria Loffredo: Hattest Du Mentoren oder einen bestimmten Lesezirkel, wo man sich gegenseitig berät? Ich kann mir gut vorstellen, dass es schwierig ist über eine bestimmte Dauer den Fokus zu wahren, wenn Du in deinem Bekanntenkreis, vielleicht auch in deinem Kollegenkreis erzählst: „Ich schreib jetzt einen Roman.“ Erst ein wohlwollendes Lächeln und zwei Jahre später heißt es prüfend nachgefasst: „Und, geschafft?“

Theresia Töglhofer: Genau das Problem kenne ich. Es gab drei Vorgängerversionen, bevor diese hier entstanden ist. Das war nicht der gesamte Roman, aber die Romananfänge. Wenn man den ersten Roman schreibt, ist es schwierig herauszufinden, wie man das am besten macht. Es gibt kein Patentrezept mit drei goldenen Regeln. Ich war in Programmen für Nachwuchsautoren, auf die man sich bewerben kann, wo man Feedback von erfahrenen Autoren bekommt. Man muss herausfinden, welche Stoffe und welche Erzählweise über 200 Seiten tragen. Nicht zuletzt war „Tatendrang“ für mich auch ein sprachliches Experiment.

Anna Maria Loffredo: Sprachlich ist es in der politischen Sphäre oft …

Theresia Töglhofer: … sehr vage, formelhaft. Wir müssen ständig „neue Perspektiven schaffen“ und es werden „Weichen gestellt“ für zukünftige Projekte.

Anna Maria Loffredo: Die altbekannte Phrasendrescherei und die Satzbausteine, die man als Referent in der politischen Beratung den Protagonisten vorfertigt. [beide lachen]

Theresia Töglhofer: Diese Sprache hat eine wichtige Funktion. Wenn man es nicht konkret macht, dann muss man auch keine großen Commitments eingehen. Man kann sich eher auf etwas einigen, aber am Ende des Tages fragt man sich, was heißt das eigentlich konkret? Ich habe mir sehr lange die Zähne daran ausgebissen, die Sprache der Diplomatie in eine literarische Sprache zu transformieren.

Anna Maria Loffredo: Viele meinen ja, sie hätten ein Bild vom politischen Geschäft, weil sie Tagesschau und danach Markus Lanz gucken. Aber wie sich das wirklich aufgedröselt hinter den Kulissen verhält, ist dann nochmal was anderes. Wie ein einziger Arbeitsalltag bei mir aussieht, könnte ich aus der politischen Beratung heraus nicht beantworten, weil kein Tag wie der andere ist.

Theresia Töglhofer: Zu Beginn der Geschichte fällt der Satz, als die Praktikanten willkommen geheißen werden, dass ihr Praktikum 121 Tage dauert und kein Tag wie der andere sein wird. Insgesamt sind es 500 Praktikanten und am Ende von vier Monaten dürfen 15 von ihnen bleiben. Es löst eine wahnsinnige Konkurrenz zwischen den Praktikanten aus und Hanna weiß, dass sie sich beweisen muss. Es sind unterschiedliche Faktoren, die dort reinspielen. Hart arbeiten, das machen die anderen Protagonisten in der Geschichte auch. Es reicht wahrscheinlich nicht, wenn man die Arbeitsbiene ist und es wenig gesehen wird. Es geht auch um eine Art soziales Kapital, was Bourdieu als die feinen Unterschiede bezeichnete. Es gibt Menschen in der Geschichte, die einfach sehr gut mit den Vorgesetzten umgehen können.

Anna Maria Loffredo: Ja, weil ihnen das Milieu und der Habitus vertraut sind.

Theresia Töglhofer: Weil sie diesen Menschen auf Augenhöhe begegnen können.

Plakat Europa erlesen an der Universität Bonn

Anna Maria Loffredo: Was müsste man dir eigentlich bieten, damit du bereit wärst, auch diesen Weg zu gehen, den du im Roman beschreibst? Ist der Weg überhaupt erstrebenswert, weil ich mich frage, ob man spätestens dort seine Seele verkauft?

Theresia Töglhofer: Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Frage. Die Anfänger starten in ihre Karriere. Die Frage folgt: Werden sie das System verändern oder wird das System sie verändern? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Für Hanna in der Geschichte ist es interessant, im offiziellen System einen Job zu bekommen und Karriere zu machen, weil es das ist, was alle wollen und was man zu wollen hat. Doch dann bemerkt sie für sich persönlich, dass das vielleicht gar nicht ihr Weg und sie woanders besser aufgehoben ist. Bis sie sich das eingestehen kann, dauert es.

Anna Maria Loffredo: Wann kann man dich in NRW persönlich treffen, um darüber nochmal ins Gespräch zu kommen?

Theresia Töglhofer: Ich lese am 7. April in Haan in der Stadtbücherei und am 8. April im Festsaal der Universität Bonn um 19:00 Uhr.

Anna Maria Loffredo: Schön.

Theresia Töglhofer: Ich freue mich über alle, die mehr erfahren wollen.

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