Im Bunker. Ukrainer in Bochum #3

Die eigene Wohnung in Sichtweite | Foto privat

150 Meter trennten sie von ihrem Leben, zwei Meter Beton von ihrem Tod. Alla Ananieva hat die Massaker von Irpin überlebt. Was sie berichtet, ist grauenvoll. Und voller Liebe.

Eine Szene auf der Straße: Der Vater, seinen Sohn auf dem Arm, die Mutter mit dem Koffer, sie schießen dem Vater in den Kopf, der Sohn liegt im Blut seines Vaters. Dann eine Szene im Bunker, die Granate griffbereit an der Tür, Matratzen auf dem Boden verteilt, 73 Erwachsene sind da und 13 Kinder, 15 Brote und ein paar Garnelen, und sie aßen alle und wurden satt. Zwei Szenen, horribel wie von Hieronymus Bosch gemalt und wundersam wie aus der Bibel, Alla berichtet sie leise, besonnen, konzentriert. 52 Jahre alt, dreifache Mutter, Lehrerin für Physik, Geometrie und Kunst an einer Ganztagsschule in Irpin, ihre Tränen sind so diskret wie ihr Lächeln. Sie spricht ukrainisch, Liia (22) übersetzt, und hört man nur Allas Stimme, ohne zu verstehen, verströmt sie eine große Vornehmheit in dem, wie sie erzählt. Durch diese Vornehmheit hindurch aber lässt sich etwas anderes hören, eine tiefe Verwunderung. Darüber, wie unmöglich es ist zu verstehen, dass Menschen solche Dinge tun, unvorstellbar grausame, unvorstellbar sinnlose.

Mit Alla im Bunker von Irpin. Die Stadt mit ihren rund 45 000 Einwohnern   –  „eine schöne Stadt“, sagt Alla und lächelt diskret, „ähnlich wie Bochum“  –  grenzt westlich an Kiew und nördlich an Butscha an. Als die russische Armee dort einfällt und ein wochenlanges Massaker an der Zivilbevölkerung beginnt, versuchen sich die Menschen, nach Irpin zu retten. Wo sich die Städte berühren, liegt Allas Wohnung und 150 Meter von ihrer Wohnung entfernt der Bunker einer Fabrik, den sie und Katya, ihre heute 30jährige Tochter, zum Zufluchtsort ausbauen:

 „Von außen war nicht zu erkennen, dass es ein Bunker ist, weil genau diese Orte beschossen wurden. Ganz in der Nähe gab es einen Kindergarten, der war deutlich als ‚Kindergarten‘ gekennzeichnet und wurde bombardiert. Wir haben die Kinder und alle, die dort waren, zusammen mit der ukrainischen Armee in den Bunker gerettet.“

Und dann, es ist übergangslos:

 „Es gab Butterbrote für alle.“

Ein schlichter Satz, ein Heldenroman. Die Armee evakuiert, wie immer es möglich ist und Kinder möglichst zuerst, im Bunker bleiben Alla und zwei ihrer Kinder –  Katya und der damals 12jährige Kyrylo  –  zusammen mit 83 weiteren Zivilisten zurück. Elf ewige Tage lang. Nahebei liegt ein verlassener Lebensmittelladen, ein Geschenk des Himmelos, Alla ist verantwortlich für die Verpflegung im Bunker, Katya hält den Kontakt nach draußen zur ukrainischen Armee, also organisieren sie die Transporte, sie transportieren unter Beschuss. Der Weg, den sie zurücklegen müssen, führt entlang eines Zauns direkt zu auf das fünfstöckige Haus, in dem Allas und Olehs Wohnung liegt, die hatten sie und ihr Mann gekauft, als Katya geboren worden war, sie brauchten mehr Platz, mehr Licht. Jetzt ist der Weg nach Hause zum Todesstreifen geworden, „Lauf!“ brüllen die Soldaten, „lauf!“ Als die Raketen einschlagen, hat Alla es gerade noch in den Bunker geschafft.

„Ab dem 7. Tag gab es keinen Strom mehr, da haben wir die Lebensmittel mit unserem Auto ins Stadtzentrum gefahren, wo es noch Strom gab, und haben dort gekocht. Als wir zurückfuhren, wurden wir bombardiert, die Druckwelle hat das Auto in den Gegenverkehr geschleudert, wir waren taub, wir waren halbtot, und überall im Auto  -“

wieder dieses diskrete Lächeln

„… überall Suppe.“

Alla Ananieva by thw

Überall Leben, ein ungeheurer Mut, völlig fraglos die Bereitschaft, eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, damit Kinder spielen können, die Tag und Nacht im Bunker ausharren:

„Am vierten Tag hatte Kyrylo Geburtstag, sein zwölfter. Wir haben ihn –„

Kyrylo ist bei dem Gespräch dabei, er lächelt ähnlich diskret wie seine Mutter

„- haben ihn gefeiert und fünf Torten organisiert für 86 Menschen.“

Alla zeigt ein Foto, wie Katya eine Torte anschneidet zum Geburtstag ihres Bruders und zeigt dann ein Video auf ihrem Handy: die imposante Torte, zwölf brennende Kerzen, die Bunkerbewohner singen und feiern und Kyrylo bläst und bläst, während die Kerzen flackern und flackern. Alla lacht, Kyrylo lacht:

„Ist natürlich Absicht, die Kerzen sind so gemacht, dass sie sehr schwer auszublasen sind. Eine Frau hat sie aus ihrer Wohnung geholt, sie ist deswegen extra zurückgerannt, um sie zu holen, es war gefährlich, es war verrückt, sie wollte es unbedingt. Alle wollten. Alle wollten Kyrylo etwas schenken.“

Sie streicht ihrem Sohn mit einer kurzen Bewegung übers Haar, er ist keine zwölf mehr:

„Die Jungs wollten alle raus, auch Kyrylo, sie wollten alle helfen, die Schützengräben auszuheben. Aber wir Mütter haben sie zurückgehalten, die Männer sind gegangen. Nur mit Spaten bewaffnet und mit Molotowcocktails, mit denen sind sie auf die Panzer geklettert und haben versucht, sie in Brand zu setzen.“

Im Bunker wird notoperiert. Alla und die anderen Frauen holen Splitter aus den Körpern ihrer Männer, wie es aussieht, setzen die Russen Streumunition ein. Sie schaffen es, einen Militärarzt in ihren Bunker zu holen,

„wir haben einen Schnellkurs bekommen. Aber wir hatten zu wenig Verbandsmaterial. Da haben wir die Verbände von denen genommen, die sie –  “

sie zögert

„ –  die sie nicht länger brauchten, denen haben wir sie abgenommen, sie gewaschen, neu verwandt. Auch Helme, in denen noch Splitter eines Schädels steckten …“

„Nirgends ein persönliches Moment“: Kyrylos Zimmer | privat

Alla spricht oft von Wir und selten in der Ich-Form, und kaum einmal taucht auf, was einem Wir entsprechen müsste, ein Ihr oder ein die anderen oder die Russen, Alla lässt sie nicht in ihr Leben hinein:

„Wir hatten unsere schöne Wohnung in Irpin und das kleine Haus unserer Oma, 37 Kilometer entfernt mit einem großen Garten und Bäumen und Blumen, unser Ferienhaus. Mein großer Sohn, Wladislaw, wohnte dort, und plötzlich hieß es: ‚Ihr habt 20 Minuten Zeit.“

Die Russen. 20 Minuten und ein Korridor, eine Kolonne aus zwei Dutzend Autos mit weißen Flaggen, die fünf letzten Autos werden zerschossen,

„die Zeit war abgelaufen“.

Wieder ihr diskretes Lächeln, mit dem sie einen anblickt und dann die Augen niederschlägt, als empfinde sie eine Scham  –  nicht für die Russen und nicht für das, was deren Armee getan hat, sondern darüber, dass sie, Alla, von deren Untaten berichten muss. Dass sie derselben Gattung angehört, es ist wie eine tiefe Scham darüber, ein Mensch zu sein.

Sie werden evakuiert. Alla, die Lehrerin für Kunst, lässt Identitätsausweise basteln, die nicht nur Name und Adresse, auch Kontaktdaten enthalten, eine Blutgruppe aufführen, die Kinder werden gebrieft. Was tun, wenn man sich verliert. Und was, wenn  –  jetzt tauchen die Russen auf in dem, was Alla berichtet  –  wenn sie vor einem stehen. Dann, erklären Alla und Oleh ihrem Sohn Kyrylo,

„wenn sie da sind, stellen wir uns vor dich hin und fallen auf dich drauf und du bleibst still liegen und später wirst du gefunden werden.“

Alla, die Lehrerin. In der Schule, in der sie unterrichtet hat, war sie für ihre „interessanten Experimente“ bekannt, die sie mit ihren Schülern  –  alle in Kyrylos Alter  –  im Physikunterricht durchgeführt hat:

„Die Konrektorin sagte mir immer: ‚Gib mir vorher Bescheid, damit ich evakuieren kann!‘“

Jetzt gibt Alla ihrem Sohn vorher Bescheid, der Weg aus dem Bunker wird zum Martyrium, sie müssen über die „Brücke von Leben und Tod“. Tausende sind es, die es versuchen, ein furchtbares Nadelöhr, kilometerlang der Stau, die Autos zerlöchert, Leichen noch warm, die Flucht zu Fuß, die Brücke zerbombt. Der Weg führt am Wasser entlang über Bohlen und Bretter zwischen Trümmern hindurch.

„Andauernd wurden wir bombardiert. Kyrylo, Katya und meine kleine Enkelin, gerade einmal zwei Jahre alt, sie waren weiter vorne, hinter mir eine Frau, sie hatte auch ein kleines Mädchen an der Hand, und immer wieder der Ruf ‚Luft!‘  – “

Hinlegen!

„Luft! Luft! Meine Knie völlig zerschunden, vorne haben es Katya und Kyrylo in einen Bus geschafft, der sie fortgebracht hat, hinter mir die Frau und das Mädchen lagen tot am Weg.“

Sie zeigt ein Foto, aufgenommen mit ihrem Handy, es zerreißt einem das Herz, wie Alla festhält daran, ein Gedächtnis zu stiften. Niemanden verloren geben, auch nicht dem Tod, ihr Foto ist das Grabmal einer unbekannten Frau mit Kind. Notdürftig mit einer Plastikplane verdeckt, kein Pathos, kein Triumphbogen, nirgends Sinn. Nur die Erinnerung.

„Alle wollten.“ Katya, Torte, Heilige. Kyrylos Geburtstag im Bunker

„Zwei Gabeln, eine Taschenlampe, ein kleines Kopfkissen und unser kleiner Hund“,

es ist alles, was Alla in Händen hält, als sie Kiew erreicht und verpflegt wird in einer U-Bahnstation tief unter der Erde,

„ich konnte nicht aufhören zu weinen.“

In Lwiw  –  nach 14 Stunden Bahnfahrt im Stehen  –  sind sie halbwegs sicher, sie werden versorgt. Jetzt sind es ihre Helfer, die weinen,

„sie haben einfach gesehen, wie wir gegessen haben, haben die Hingabe gesehen, mit der wir nichts anderes getan haben als zu essen, sie standen daneben und haben geweint.“

In Bochum schlafen sie alle, die sich wiedergefunden haben, Alla schläft, Kyrylo schläft, Katya, die kleine Tochter,

„wir haben im Bett geschlafen, auf dem Sofa, im Park. Selbst der Hund ist eingeschlafen, wo er gerade war“,

der kleine Hund, den sie den ganzen Weg entlang gerettet hat. Die Katze, schwarz und elegant, auch sie ein Teil der Familie, ist in der Wohnung zurückgeblieben,

„und die Wohnung ist zerbombt. Das hat mir Svetlana offenbart, als wir bei ihr in Bochum untergekommen sind, Sventlana hat uns unglaublich geholfen. Und hat mir Fotos von unserer Wohnung gezeigt.“

Küche? Wohnzimmer? Das Zimmer von Kyrylo? Nirgends ein Accessoire, eine Erinnerung, ein persönliches Moment, die Verwüstung ist total. Eine Wirklichkeit, wie Hieronymus Bosch sie sich nicht vorgestellt hat, Bilder, die nie gemalt worden sind. Und wie sieht Alla auf Bochum, wie sieht sie das Bild dieser Stadt? Ihre Antwort macht innehalten, so schön, so europäisch, so zerbrechlich:

„Es ist, als sei ich zurückgekommen.“

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Eine Stadt, zwei Planeten, drei Jahre Krieg. Ukrainer in Bochum #1

Zwischen Barbarei und Zivilisation. Ukrainer in Bochum #2

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