S4-Bündnis sagt Demo ab!

Die Klage des S4-Bündnis gegen das Verbot, in der Innenstadt zu
demonstrieren, wurde auch vom Oberverwaltungsgericht (OVG) abgelehnt. Aber, wie von der Polizei vorgesehen, auf den Gerichtsplatz abschieben lassen will man sich nicht.

Dort hatte schon im vergangenen Jahr die Auftaktkundgebung des Bündnisse stattgefunden. Als sich die Demonstranten Richtung Innenstadt bewegten, wurde die Demo von der Polizei aufgelöst.

Sonja Brünzel, Pressesprecherin des Bündnis: “Für uns ist es wichtig, am
4. September unsere Demonstration an den für uns symbolische bedeutsamen Orten wie der Kampstraße oder dem Platz der alten Synagoge stattfindet. Wir wollen nicht an einem Platz weitab der Innenstadt zusammengepfercht werden, um anschließend in einem Wanderkessel zu laufen. Daher sagen wir aus politischem Protest und als Reaktion auf das für uns negative Urteil des OVG unsere Demonstration am Samstag ab.”

Nichtsdestotrotz werden am Samstag zahlreiche Demonstranten aus dem undogmatischen Spektrum von den über 100 unterstützenden Gruppen und darüber hinaus nach Dortmund kommen und sich ihren Weg zum protestieren suchen. Viele werden das in der Nordstadt versuchen. Das S4-Bündnis hingegen ruft dazu auf, an den angemeldeten Veranstaltungen teilzunehmen.

Dortmund: Nazi-Demo bleibt verboten

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat das Verbot der für Morgen geplanten Nazi-Demo  durch die Dortmunder Polizei bestätigt.

Die Nazis haben allerdings angekündigt, bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um durch eine Eilentscheidung das Verbot aufheben zu lassen. Gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen kann vor dem dem Oberverwaltungsgericht Münster Berufung eingelegt werden. Hier die Erklärung des Verwaltungsgerichtes Gelsenkirchen:

„Rechte“ Demonstration am 4. September 2010 in Dortmund bleibt verboten

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat mit Beschluss vom heutigen Tage einen Eilantrag gegen das vom Polizeipräsidium Dortmund verfügte Verbot einer Demonstration mit dem Thema „Gegen imperialistische Kriegstreiberei und Aggressionskriege“ am 4. September 2010 abgelehnt. Zur Begründung der Entscheidung hat das Verwaltungsgericht ausgeführt, dass die von dem Polizeipräsidium angegebenen Gründe für das Verbot auch mit Blick auf die ständige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts keinen Bedenken unterlägen. Es sei in hohem Maße wahrscheinlich, dass es zu erfolgreichen Blockadeaktionen gegen die konkret beabsichtigte Versammlung kommen werde. Aufgrund der aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit dem am 1. September 2010 in Aachen festgenommenen Aktivisten der rechten Szene bestehe eine das ausgesprochene Verbot tragende hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass bei den zu erwartenden Aktionen von Rechts aus der Versammlung heraus gegen die Blockaden (sogar) Sprengsätze eingesetzt werden könnten. Für den Fall der Verwendung von Sprengkörpern könne es zu Gefahren für Leib und Leben einer Vielzahl von Versammlungsteilnehmern der Gegendemonstrationen bzw. Blockadeaktionen sowie der begleiten-den Polizeibeamten kommen. Da es faktisch nicht möglich sei, alle der polizeilich erwarteten 1.200 bis 1.500 Teil-nehmer der Versammlung nach Sprengmitteln zu durchsuchen, bestünden keine anderen geeigneten Maßnahmen zur Verhinderung der drohenden massivsten Gefahren für Leib und Leben. Gegen diesen Beschluss kann Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen erhoben werden.

Stoppt die Zensur!

Jusos sollen "Arsch in der Hose haben" - ihr künftiger Chef Veith Lemmen FOTO: www.nrwjusos.de

Veith Lemmen wird am Wochenende zum neuen Vorsitzenden der Jusos in NRW gewählt. Er fordert die SPD in diesem Gastbeitrag auf, den neuen Medienschutzstaatsvertrag (JMStV) neu zu verhandeln – und damit die Meinungsfreiheit zu verteidigen.

Die Novelle des Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV) ist derzeit in aller Munde, beziehungsweise eher in aller Finger. Das Thema wird vor allem im Internet heiß diskutiert und die vorherrschende Meinung ist eindeutig: Der Landtag in Nordrhein-Westfalen soll die Novelle ablehnen. In der Offline-Öffentlichkeit scheint man dem – fast schon traditionell – nicht folgen zu wollen, die kritischen Expertinnen und Experten zum Thema finden kaum Gehör. Dabei gilt NRW als letzte Möglichkeit, die Ratifizierung des Vertrages zu stoppen.

Die NRW Jusos lehnen die Novelle ab. Wir haben uns schon seit längerer Zeit klar gegenüber dem Vertrag und der Partei positioniert. Selbstverständlich fühlen sich auch die NRW Jusos dem Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet verpflichtet. Mit der geplanten Novelle des JMStV soll jedoch über die so genannte „regulierte Selbstregulierung“ ein Mechanismus eingesetzt werden, der unserem Begriff von Meinungsfreiheit- und vielfalt nicht angemessen Rechnung trägt. Die Novelle sieht vor, Netzinhalte mit Alterskennzeichnungen zu versehen, ähnlich wie bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Dies betrifft nicht nur große kommerzielle Angebote, sondern auch private Blogs und Webseiten kleinerer Anbieter, die sich keine eigene Selbst-Regulierungsabteilung leisten können. Darüber hinaus sind technische Sperren auch (technisch) zu umgehen und verlieren so ihre Wirkung. Ihr einziger Effekt ist, dass Inhalte vor technisch weniger versierten NutzerInnen verborgen werden, die Inhalte aber dennoch weiterhin abrufbar und erreichbar bleiben. Der Jugendmedienschutzstaatsvertrag birgt in der Summe der Maßnahmen die Gefahr von Zensur in sich. Wir wollen keine Zensuransätze, keine unreifen Konzepte mit unklaren Folgen. Daher gibt es aus unserer Sicht nur eine Lösung: Es muss neu verhandelt werden.

Hier wird ein Spannungsfeld, in dem sich eine Parteijugend in Regierungszeiten bewegt, sichtbar. Einfach alle Beschlüsse und das Regierungshandeln der Mutterpartei abzunicken, würde die eigenen Ideen und Ziele verwässern und teilweise verraten. Wer glaubhaft die Ängste der jungen Menschen in NRW formulieren und deren Wünsche in politische Forderungen und Ziele gießen will, der kann – trotz vieler Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten – nicht immer vor der Mutterpartei salutieren. Bei KiTa- und Studiengebühren, Gemeinschaftsschulen, Hochschulräten, Ausbildung und Praktika, um einige Themenfelder exemplarisch zu nennen, gibt es teils unterschiedliche Auffassungen, manchmal beim Ziel, eher aber beim Weg zu einer besseren Politik.

Doch ob, bzw. wann die Jusos letztlich in der Öffentlichkeit lospoltern oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Zu den guten politischen Gepflogenheiten gehört es schließlich, gemeinsam zu diskutieren und sich gegenseitig mit dem notwendigen Respekt zuzuhören. Auch hier kann man als Beispiel den Jugendmedienschutzstaatsvertrag ins Felde führen. Hier werden wir in den nächsten Wochen Gespräche führen und es ist lobend zu erwähnen, dass sich dieser Diskussion von Seiten der Partei auch gestellt wird. Selbstverständlich bleibt offen, was die Gespräche ergeben, aber bei den Jusos gilt, dass wir Standpunkte stets aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Hierbei setzen wir auch auf die Bereitschaft der NRWSPD zu mehr Offenheit und Transparenz. Es ist positiv zu erwähnen, dass in der letzten Zeit versucht wurde, eine bessere Beteiligung der Mitglieder zu erreichen. Dieser Prozess der Weiterentwicklung der inneren Demokratie muss fortgesetzt und verstärkt werden. Dabei sollten wir uns alle gemeinsam mehr als bisher der Expertise von anderen Organisationen bedienen. So haben es die Jusos beispielsweise bereits im Zulauf auf die Wahlen getan und sind damit gut gefahren. Das bedeutet einen engen und kontinuierlichen Austausch mit Gewerkschaften, NGOs, bis hin zur Wissenschaft. Ansonsten müsste sich die Partei Beratungsresistenz vorwerfen lassen, meiner Meinung nach konnte man das früher auch teilweise feststellen.

Und hier stellt sich die Frage, wo eigentlich das Lob der Jusos für die SPD bleibt. Da wird es nicht uninteressanter, denn Kritik ist bisweilen leicht ausgesprochen und findet im Zweifelsfall auch leichter Widerhall in der Öffentlichkeit. Allerdings ist Glaubwürdigkeit ein hohes Gut und das bedeutet auch Anerkennung offen zu äußern, da die Welt nun einmal nicht schwarz-weiß ist. In der letzten Zeit, so zumindest der subjektive Eindruck mancher Menschen, hat Politik durch weichgespülte Ja-Sager auf der einen und Pauschalkritiker auf der anderen Seite, an Glaubwürdigkeit verloren. Zusammengefasst kann man sagen, um einfach ehrlich die Meinung zu sagen, fehlen bei manchen die Schultern im Anzug oder der Arsch in der Hose. Auch an dieser Stelle ist es der Anspruch der Jusos, ehrlich zu sein. Sowohl in der Kritik, als auch im Lob. Hannelore Kraft hat in den letzten Monaten viele Menschen davon überzeugen können, dass die SPD es ernst meint mit einem Politikwechsel. Diesen Vertrauensvorschuss hat sie in der Koalitionsbildung mit den Grünen glaubhaft bestätigt und sie musste sich dabei allemal mehr beweisen, als es ein Mann in ihrer Situation vermutlich hätte tun müssen.

Die NRW Jusos werden sich stets an Inhalten und Sachthemen orientieren und von Fall zu Fall entscheiden. Dabei wollen wir unseren Beitrag leisten, um den Politikwechsel umzusetzen und dieses Land zu erneuern, ohne unsere Ideale aufzugeben oder uns zu verbiegen. Wir wollen teilnehmen an der Meinungsbildung in der Partei. Wir wollen die Regierungsarbeit offen und kritisch begleiten. Dabei wollen wir Schultern im Anzug haben. Was mich persönlich angeht, so bin ich kein leidenschaftlicher Anzugträger, aber das hindert mich ja hoffentlich nicht daran, die Schultern dafür zu haben.

Update: Dortmund gegen Nazis: Der Demo-Überblick

An diesem Wochenende werden die Nazis in Dortmund demonstrieren: Mit einem genehmigten Konzert heute Abend am Hauptbahnhof und vielleicht auch Morgen.

Während das Nazi-Konzert am Dortmunder Hauptbahnhof nicht untersagt wurde, hat die Polizei die für Morgen geplante Demonstration verboten. Ob das Verbot vor Gericht bestand haben wird, ist zweifelhaft. Die Dortmunder Jusos haben eine umfangreiche Zusammenstellung aller Proteste gegen das Nazi-Wochenende veröffentlicht, die wir an dieser Stelle mit ihrer freundlichen Genehmigung dokumentieren.

Das S4-Bündnis hat Stadtpläne und Kontaktnummern für Demonstranten auf seine Site gestellt.

Ebenso das Dortmund-stellt-sich-quer-Bündnis.

Demoroute der Nazis (Samstag) und Rechtsrockkonzert (Freitag)
Es wird vermutet, dass die Route am Nordausgang des Hbf beginnt und am Hafen endet. Die komplette westliche Nordstadt wird voraussichtlich abgesperrt sein. .

Heute  wird es ab 18.30 Uhr an der Katharinentreppe vor dem Hbf ein Nazi-Konzert geben. Dieses ist vom Verbot nicht betroffen.
Der Kreisverband der Grünen hat um 17.30 Uhr auf der Kampstraße Ecke Katharinenstraße eine Gegenkundgebung angekündigt.

Kundgebung des Dortmunder Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus
Der Arbeitskreis wird ab 12.00 Uhr eine Kundgebung am Nordmarkt abhalten. Als Redner haben zugesagt OB Ullrich Sierau, Claudia Roth (Grüne), der Präses der Evangelischen Kirche Alfred Buß, Landessozialminister Guntram Schneider und Jutta Reiter vom DGB. Zudem wird es einige Musik- undKulturbeiträge geben. Die Anreise sollte aufgrund der Sperrung der westlichen Nordstadt über die Stadtbahn-Haltestelle Brunnenstraße (U 42/U46) erfolgen.
Aufruf des Arbeitskreises…Klick
Nach Ende der Kundgebung gegen 14.00 Uhr wird in Zusammenarbeit mit dem Quartiermanagements Nordmarkt und den Schulen der Nordstadt vom Nordmarkt aus eine Menschenkette gebildet.

Friedensfest der Stadt (Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie)
Das Friedenfest der Stadt Dortmund wird ab 18.00 Uhr auf dem Wilhelmplatz in Dorstfeld und damit einem der hauptsächlichen Aktionsräume der Nazis stattfinden.

Das Programm gibt es hier…Klick

Demo des S4 Bündnis

Update, Freitag 15.55 Uhr. Die Veranstaltung wurde abgesagt. Details hier. Die Das Bündnis ist im Rechtsstreit über die Demoroute, da die Polizei nur eine Route außerhalb des Innenstadtbereiches genehmigen wollte. S4 will um 10.00 Uhr starten. S4 wurde von der Polizei eine Route vom Gerichtsplatz über Heiliger Weg zum Stadewäldchen zugewiesen. Durch eine Klage versucht man zurzeit eine Route Kampstraße – Kleppingstr. – Stadthaus zu bekommen.

Am Vortag wird S4 auf der mutmaßlichen Demoroute der Nazis ab 16.00 Uhr auf den Folgetag aufmerksam machen. Treffpunkt ist der Nordausgang des Hbf.
Zudem wird es ab Freitagabend in der Nordstadt ein Convention Center geben, an dem es Essen, medizinische Versorgung und Schlafplätze geben wird.
Aufruf von S4…Klick
S4 informiert ab dem 3. September live über das Anifa-Internetradio und einen Ticker, der über Handy abrufbar ist, über die Geschehnisse in Dortmund.

Dortmund stellt sich quer
Das Bündnis aus dem Antifa-Spektrum ruft bundesweit zur Blockade der Nazi-Demo auf. Auf Ihrer Internetseite werden aber weder Treffpunkt noch eine Demoroute bekannt gegeben. Angeblich wurde eine Route vom Busbahnhof (Hbf Südausgang) über die Rheinische Straße nach Dorstfeld angemeldet.
Es ist jedoch nicht sicher, ob die Route gelaufen wird. Es wird vermutet, dass die Teilnehmer andere Veranstaltungen nutzen, um an die Demoroute zu gelangen.

Mit Kochlöffeln und Bratpfannen gegen Rechts
Die Demonstration startet um 12.00 Uhr im Westpark und verläuft unter anderem über Möllerstraße – Rheinische Str. – Heinrichstr. zurück zum Westpark. Verschiedene Musikgruppen werden an der Demo teilnehmen.
Hier der Aufruf…Klick
Fahrradtour des Grünen Kreisverbands
Die Fahrradtour (14.00 Uhr bis 18.00) startet nach der Kundgebung des Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus am Nordmarkt. Sie geht über Lortzingstr. – Goethestr. – Mozartstr. – Nordstr. – Kampstr. – Rheinische Str. – Dorstfeld.

Fahrraddemo des Jugendrings
Die Tour startet um 14.00 Uhr am Platz der alten Synagoge (Stadttheater) und geht über Taranta Babu – Dorstfeld – Huckarder Str. – Anne-Franck-Gesamtschule – Bornstr. – Fritz-Henßler-Haus – Südbad – Platz der alten Synagoge.
Familienfest Vinckeplatz (IG BAU, Naturfreunde Kreuzviertel)
Programm von 11 Uhr – 18 Uhr
10.30 Uhr > Familienfühstück
11.00 Uhr > Fräulein Nina und das Resopal
13.00 Uhr > Just Us, Folksongs
15.30 Uhr > Still Crazy
16.30 Uhr > Die KreuzviertelTriolen
17.30 Uhr > Still Crazy
18.00 Uhr > Ende der Veranstaltung
Erinnerungsgang: Dorstfeld in der NS-Zeit
Von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr veranstalten die Elias-Gemeinde und das Dortmunder Erinnerungsportal einen Rundgang orientiert an Punkten mit historischer Bedeutung durchführen. Treffpunkt ist das katholische Gemeindehaus, Teutoburger Str. 14.

KulTour des „Bündnis Dortmund gegen Rechts“
Treffpunkt KulTour: 11 Uhr, Geschwister-Scholl-Straße (beim Fritz-Henßler- Haus). Um ca. 13 Uhr endet die Tour am Borsigplatz. Info…Klick
Aktivitäten in Brackel
Am Samstag, 04.09. wird es in der Zeit von 11.00 bis 15.00 Uhr einen vom balou und der Stadteilbibliothek veranstalteten Trödelmarkt rund um das balou geben. Um 17.00 Uhr wird ein Kindertheaterstück (Engel mit nur einem Flügel, ab 8 Jahre) aufgeführt.
In der Zeit von 12.00 bis 17.00 Uhr wird die SPD Brackel/Wambel einen Informationsstand gegenüber der Reichshofgrundschule am Westheck aufstellen.
Unter dem Thema “Keine Zukunft ohne Vergangenheit” will die kath.
Kirchengemeinde St. Clemens die 50-iger Jahre aufarbeiten. Ab 19.30 Uhr werden im Franz-Stock-Heim Musik und Tänze, Bilder und Filme dargeboten.

Oststadt in Harmonie
Ab 10.00 Uhr finden im gesamten Bereich der östlichen Innenstadt zahlreiche Veranstaltungen und Feste statt.

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Anarchist Academy auf der Libertären Medienmesse

Anarchist Academy, Samstag, 4. September, Libertäre Medienmesse, Oberhausen

Die 1. Libertäre Medienmesse startet heute im Druckluft in Oberhausen. Bis Sonntag stellen libertäre Verlage, Zeitschriften, Radio-, Video- und Internetprojekte ihr Programm vor. Drei Tage Messe, Projektvorstellungen, Lesungen, Kultur , Veranstaltungen und Infos. Mehr 40 als Aussteller haben sich angemeldet. Höhepunkt des Kulturprogramms ist der Auftritt von Anarchist Academy am morgigen Samstag.

Der Ruhrpilot

Loveparade: „Die 21 Toten sind eine Bürde“…Zeit

Loveparade II: Die Loveparade war in NRW Chefsache…Der Westen

Loveparade III: Polizei hat Fehler gemacht…FAZ

Loveparade IV: Beteiligte weisen sich gegenseitig Schuld zu…Welt

Loveparade V: Nichts neues aus dem Sauerland…Xtranews

Loveparade VI: Keine Schuld, nirgends…Spiegel

Ruhrgebiet: Land der Zuwanderer…Der Westen

Nazis: Polizei verbietet Nazi-Demo…Ruhr Nachrichten

Nazis II: Wer steckt hinter der Nazi-Demo?….Ruhr Nachrichten

Nazis III: Pöbeln, schlagen, Bomben bauen…Der Westen

Nazis IV: Hirngröße…Mediaclinique

Bochum: Sieben Tage Texte ohne Pause…Der Westen

Bochum II: Frank Goosen zu seiner Nominierung für den VfL-Aufsichtsrat…Pottblog

Dortmund: „Envio kann nicht auf Unwissen machen“…Der Westen

Umland: Wird auf der Schnade über Asylbewerber entschieden?…Zoom

Digital: Was tun bei unberechtigten Filesharing-Abmahnungen?…Heise

Loveparade: Alle wollen Opfer sein

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Adolf Sauerland: "Immenses Leid"

Zum ersten Mal seit der für 21 Menschen tödlich endenden Technoveranstaltung Ende Juli saßen sich heute die Verantwortlichen der Stadt, des Veranstalters Lopavent und der Polizei im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags gegenüber. Sie würdigten sich keines Blickes. Erstmals trat auch CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf. Mit Schweißperlen auf der Stirn saß er wortkarg im voll besetzten Saal.

Schnell nahm der Duisburger Stadtchef die Rolle eines Opfers ein. „Alle Duisburger und ich besonders leiden entsetzlich unter diesem schrecklichen Unglück“, sagte Sauerland mit brüchiger Stimme. „21 Tote bedeuten ein immenses menschliches Leid und damit eine Bürde, die mich und meine Kollegen und Kolleginnen gewiss unser Leben lang nicht mehr verlassen wird.“ Die Aufarbeitung der Katastrophe sei zu komplex, „als dass man es bei schnellen Lösungen belassen könnte“. Deshalb habe er sich entschlossen, trotz eines „fast beispiellosen öffentlichen Drucks mein Amt auszuüben“. Diese Form der Aufklärung sei er auch den Opfern und Hinterbliebenen schuldig. Der 55-Jährige saß geduckt neben seiner Juristin Ute Jasper, die aufrecht und mit überzeugter Stimme die Stadt von Verfehlungen frei sprach.

Dies tat allerdings auch erneut NRW-Innenminister Ralf Jäger – allerdings sprang er für die ihm unterstellte Polizei in die Bresche. Selbst wenn die Beamten Fehler gemacht haben sollten, so die Logik des Sozialdemokraten, seien daran andere Schuld. „Es ist unrealistisch, bei dem unfassbaren Chaos auf Veranstalterseite einen fehlerfreien Polizeieinsatz zu erwarten.“

Zentraler Punkt aller Fragen der Abgeordneten sind immer noch eine Reihe von Entscheidungen, die offenbar die verheerende Massenpanik im Tunnel ausgelöst haben. Dort wurden die 21 verstorbenen Besucher im dichten Gedränge erdrückt. Aber wie kam es zu dieser Dichte? Waren es die drei Personen-Ketten, die die Polizei kurz vor den Todesfällen bildete? Oder sorgten nachlässig auf dem Gelände verbliebene Zäune des Veranstalters für die Enge?

Laut Innenministerium hat Lopavent die Schleusen zum Hauptgelände um 12 Uhr viel zu spät geöffnet, obwohl sich dort schon ab zehn Uhr morgens Menschen anstellten. Dies habe zu einem sehr frühen Stau geführt. Auch steht die Frage im Raum, ob die Musik-Wagen still standen, weil Schaller ein Fernseh-Interview gab und der McFit-Fload im Hintergrund zu sehen sein sollte. Laut Sicherheitskonzept sollten die Wagen rollen, damit die Leute auf die Fläche gezogen werden.

Der Veranstalter hingegen bemängelt Polizeiketten, die auf den Zugangsrampen die Menschen in den Tunnel gedrängt hätten. „Lopavent hat die Loveparade zusammen mit Experten der Landespolizei geplant“, so der Anwalt des abwesenden Geschäftsführers Rainer Schaller. „Die Polizei fühlte sich für die Sicherheit der Parade verantwortlich.“ Die mehr als 30 Fragen der Abgeordneten, etwa nach den fehlenden Ordnern von Lopavent, beantworteten die Gesandten von Schaller hingegen nicht.

Für Politiker und Gutachter aller Parteien bot der Innenausschuss offenbar nur eine willkommene Gelegenheit, auf den Gegner zu zeigen. Die öffentlich zelebrierte Konfrontation im Düsseldorfer Landtag ist nicht zuletzt auch politisch motiviert: Der erst wenige Tage vor der Loveparade zum Minister berufene Ralf Jäger gehört der SPD an, CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist Christdemokrat. Und zwar ausgerechnet in Duisburg, im Wahlkreis von Jäger.

Bislang bleibt es den eigentlich Betroffenen und den Familien der Opfer vorbehalten, nicht voreilig Schuld zuzuweisen. Der Rechtsanwalt der Loveparade-Opfer, Gerhart Baum, rechnet noch mit monatelangen Ermittlungen bis zur juristisch sauberen Klärung der Schuldfrage. „Ich kann mir vorstellen, dass es überschneidende Verantwortungsbereiche für das Unglück gegeben hat“, sagte der FDP-Politiker und frühere Bundesinnenminister am Donnerstag. Erst nach Abschluss der Ermittlungen werde sich endgültig herausstellen, wer strafrechtlich oder zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne.

Lesen und Selbsterkenntnis

Lesen bildet, Reisen auch – eine kleine Kulturgeschichte vom Lesen und der Selbsterkenntnis. Von unserem Gastautoren Ronald Milewski.

Wenn die Ferienzeit um ist gilt: Wer eine Reise getan hat, hat was zu (v-)erzählen. Mitunter das, was er im Urlaub gelesen hat. Reiserfahrung ist häufig Leseerfahrung. Wir lesen im Urlaub Bücher aus und über die Region, in die wir reisen, Bestseller oder, dazu neige ich, endlich die Fachbücher, zu deren Lektüre wir zu Hause nicht gekommen sind. Schon Augustinus sah sich zu der Metapher genötigt: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon?“  Mancher Urlaubsreisende kriegt vor lauter Bücherlesen die Welt am Urlaubsort kaum mit. Andererseits steckt im Lesen die Chance zur inneren Einkehr. Im Urlaub ist endlich Zeit dazu. Was aber wird aus diesen besinnlichen Stunden, wenn wir mittels neuer Möglichkeiten in Bälde ganze Bibliotheken mit uns führen bzw. auf diese Zugriff haben?

Essen, August 2010, die Bostoner Lese- und Bildungsforscherin Maryanne Wolf erklärt im Interview, dass jedes Schriftsystem unterschiedliche Hirnschaltkreise enerviere. Die WAZ berichtete darüber. Bei Chinesen werde beim Lesen auch das motorische Gedächtnis in Anspruch genommen, Nachvollzug der Schreibbewegungen. Wolf treibt die Befürchtung um, dass die neuen Medien aktuell ein „digitales Gehirn“ produzieren. Ein Gehirn, das nicht lernt, zu fokussieren und sich zu konzentrieren. Sie verweist auf Sokrates, der schon in der Antike der Verschriftlichung unterstellte, dem Menschen lediglich das Gefühl zu geben, etwas zu wissen, und zu verhindern, im Gespräch ein Problem in der Tiefe zu behandeln. Darüber hinaus, so vermutet die amerikanische Professorin, gehe Kindern mit dem Buch ein positiver emotionaler Raum verloren. Einem Kleinkind wiederum fehle mit dem etwaigen Verlust des Vorlesens der Berührungspunkt zu den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der anderen.

Mich hat der Bericht über dieses Interview insofern elektrisiert, als meine Sommerlektüre sich einer ähnlichen Thematik widmete. Es handelte sich dabei in der Tat um ein Sachbuch nämlich Ivan Illichs „Im Weinberg des Textes“. Illich, Philosoph und Theologe, Ex-Priester, prominenter Kritiker des Medizin- und Bildungssystems, Autor zahlreiche Streitschriften, Sympathisant der Befreiungstheologie, hat mich bereits im vergangenen Winter posthum mit einem faszinierenden Titel und einem ansprechenden Einband als Leser eingefangen. Oder war es der Verlag? Der damalige Titel hieß „In den Flüssen nördlich der Zukunft“,  ist so zu sagen Illichs Vermächtnis und basierend auf zahlreichen Interviews mit David Cayley. Er hielt, was er versprach. Beworben wurde er mit der Ankündigung,  Illich weise in den Gesprächen der westlichen Gesellschaft Korruption der christlichen Botschaft nach.

Vom „Weinberg“ wusste ich vor der Lektüre ein wenig mehr als zuvor über die „Flüsse nördlich der Zukunft“. Mir war bekannt, dass der Essay im Grunde eine Buchbesprechung ist, nämlich die des „Didascalicon“ von Hugo von St. Viktor, einem Autor aus dem frühen 12. Jahrhundert. Ich hatte gelesen, dass es sich um eine Handanweisung zur Kunst des Lesens handelt, die an Traditionen der klassischen Antike anknüpft. Aufgrund gelesener Rezensionen wusste ich, dass sich  der Vorsteher der Schule der Augustiner-Chorherren von St. Victor bei Paris zudem durch Gedanken zur „Entstehung des Selbst“ verdient gemacht hatte.  Mir war somit bewusst, dass ich mich auf eine Zeitreise begab und dass es galt, „schweren Tobak“ zu konsumieren: Lektüre für den Sommer zu Hause.

Illich verortet die eigene Studie des mittelalterlichen Textes in den Untertiteln nüchtern-sachlich in die „Zeit, als das Schriftbild der Moderne entstand“. Die weitere Einordnung als „Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘ “ wirkt eher freundschaftlich-vertraulich. Die Einleitung beginnt er mit den Worten: „Dieses Buch erinnert an die Aufkunft des scholastischen Denkens“. Was trieb den Geistesvirtuosen Illich vor 20 Jahren, knapp 10 Jahre vor seinem Tod zu diesem Unterfangen? Oberflächlich gesehen sein Interesse an der Geschichte des Alphabets. Doch Illich wäre nicht Illich, wenn dies alles wäre. Denn Illich kann zumindest vom Anspruch her auch reißerisch-romantisch sein: „Was als Studie einer Technologie begonnen hatte, endete schließlich als neuer Einblick in die Geschichte des Herzens.“

Und diesen Einblick hatte sich Illich zum Zeitpunkt des Erscheinens des „Weinbergs“ bereits 40 Jahre lang gegönnt. Von wegen also vorrangig technisches Interesse an dem „Zeitpunkt, zu dem sich die Buchseite verwandelte und aus der Partitur für fromme Murmler der optisch planmäßig aufgebaute Text für logisch Denkende  wurde“, wie es auf dem Buchrücken heißt.

Illich will die Geschichte eines Umbruchs der Lesekultur erzählen, vom Beginn einer Epoche berichten, deren nahes Ende er wähnt. Dies verrät gleichfalls der Buchrücken. Die eigenen Studien sieht er als Teil eines akademischen Abenteuers. Dieses scheint dazu angetan, das Buch vor dem Bildschirm zu retten. Will er damit auch unsere Herzen retten? Das passende Forschungsprogramm beschreibt er wie folgt: „Und unser Nachdenken über das Überleben dieser Form des Lesens unter der Ägide des ans Buch gebundenen Textes brachte uns darauf, eine Studie der Askese zu beginnen, die der Bedrohung durch die Computer-Literalität ins Auge schaut.“

Was mag unseren Herzen aus seiner Sicht drohen, wenn wir uns der Bildschirm-Literalität hingeben? Die bange Frage sei erlaubt, denn immerhin hatte nach Illich das bibliophile Lesen Katholiken, Protestanten und assimilierte Juden, Kleriker und aufgeklärte Antikleriker zusammengebracht und Humanisten und Naturwissenschaftlern ein gemeinsames Grundverhalten ermöglicht. Zur Kultur des Buches habe – so zu sagen – das Motto ‚Lesen und Lesen lassen’ gehört. Illich wagt für die Ehrenrettung des in Buchform geschriebenen Wortes einen Sprung über 900 Jahre. Für ihn wiederholt sich in unserer Zeit etwas, was sich bereits vergleichbar ereignete, nämlich die Loslösung des Textes von der physischen Realität der Buchseite. Die Technologie dazu liefern ihm zufolge im zwölften Jahrhundert Papier und Alphabet. Das Buch wird tragbar, in den westlichen Schreibstuben werden 300 Jahre vor der Entdeckung der Buchdruckerkunst das Ordnen von Schlüsselwörtern nach dem Alphabet, das Sachregister und eine neuartige Gestaltung der Buchseite erfunden. Das neue Seitenbild, die Kapiteleinteilung, Distinktionen, das konsequente Durchnummerieren von Kapitel und Vers, die neue Inhaltsangabe für das ganze Buch, die Übersichten zu Beginn eines Kapitels, die dessen Untertitel benennen, die Einführungen, in denen der Autor erklärt, wie er seine Darlegungen aufbauen wird, sie alle sind nach Illich Ausdruck eines neuen Ordnungswillens. Doch nicht nur das. Illich interessiert sich zudem für den Einfluss, den die neuen Technologien auf die Geistesverfassung der Menschen hatten. Und er ist dem auf der Spur, was hinter diesen Veränderungen steckte, dem kulturellen Impuls und dem geistigen Zweck. Für ihn ist der Einfluss der Technologie nirgends so gut zu beobachten wie in der Erschaffung von alphabetischen Registern. Mit der „Aufkunft“ des Textes als sorgsam geordnetem Gegenstand werde in der Sozialgeschichte des Alphabets die Gebirgskette zwischen vortextlichem und textgeprägtem Lesen, Schreiben, Sprechen und Denken überwunden

Im Referenzzeitraum, dem ausklingenden zwölften Jahrhundert gehen laut Illich eingedenk der beschriebenen technischen Neuerungen alle anderen Verwandlungen rasend schnell: Das „Hörbuch“ verliert an Boden. Wer lesen kann, liest zunehmend leise. Sofortiger Zugang und sichtbare Anordnung fördern das visuell orientierte Verständnis. Aus dem monastischen Lesen wird das scholastische. Das fromme Leiern und Murmeln während des Lesens verstummt und mit ihm geht ein sozialer Hörraum verloren. Die Ohren des Lesers hören auf, das aufzufangen, was der eigene Mund äußert. Lippen und Zunge halten beim Lesen endlich still. Es ist Schluss mit der unmittelbaren Umwandlung der Buchstabenfolge in Körperbewegungen. Lesen ist nicht länger körperliche Höchstleistung, Inkorporation, leibliche Tätigkeit. Noch Hugos frommes Motto hatte  dagegen gelautet: „Lies die heilige Schrift und trachte, leibhaftig zu erfahren, was sie sagt.“

Wenig später ist individuelles Entziffern angesagt. Schleichend beginnt das, was Illich die Veränderung der Geistesverfassung nennt. Und schon bald wird der Leser seinen eigenen Verstand in Analogie zu einem Manuskript wahrnehmen. Das Lesen wird zu einem Hin und Her zwischen einem Selbst und einer Seite. Das Buch ist nicht länger Weinberg, Garten oder Landschaft einer abenteuerlichen Pilgerreise, sondern Schatzkammer, Mine, Vorratskammer, untersuchbarer Text.

Schon für die Autoren des späten zwölften Jahrhunderts sind Bücher nicht mehr Nahrung für die eigene Erbauung und Meditation, sondern Baustoff für die Errichtung neuer geistiger Gebäude. Der Autor mutiert vom Erzähler einer Geschichte zum Schöpfer eines Textes. „Mit der Lösung des Textes vom physischen Objekt, dem Schriftstück, war die Welt nicht mehr der Gegenstand, der gelesen werden sollte, sondern sie wurde zum Gegenstand, der zu beschreiben war.“ Klartext: Illich.

„Und endlich muss die ganze Welt zur Fremde werden für die, welche vollendet lesen wollen. Wie der Dichter sagt: Heimischer Boden zieht mit besonderem, süßem Gefühl an / Und läßt eingedenk seiner beständig uns sein.“ Originalton: Hugo von St. Viktor. Er formuliert eher vorsichtig, der Philosoph müsse lernen, diesen heimischen Boden zu verlassen. Schon forscher fordert er den Leser schon auf, sich dem Licht, das von der Buchseite ausgeht, auszusetzen. Und zwar, damit er sich selbst erkenne, sein Selbst anerkenne. Im Licht der Weisheit, das die Seiten zum Glühen bringe, werde das Licht des Lesers Feuer fangen und im Feuerschein werde er sich selbst erkennen.

Illich wähnt hierin die Entdeckung dessen, was wir heute „Selbst“ oder „Individuum“ nennen. Mit dem Geist der Selbstdefinition bekomme das Fremdsein einen neuen, positiven Sinn. Insbesondere letzteres scheint fraglich, denn das Bild von der Selbsterkenntnis im Feuerschein soll alsbald buchstäblich wirklich werden. Die Feuer setzen das Fremde jedoch der Vernichtung aus. Es glühen nicht nur Seiten. Hugos Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux hat zu den Kreuzzügen aufgerufen, die gemäß Illich in anderer Form, dem Ethos der Selbstentdeckung frönen, nämlich dadurch, dass „Menschen auf allen Ebenen der feudalen Hierarchie …  die gemeinsame Gedankenwelt verlassen, in der Identität dadurch entsteht, wie andere mich benennen und behandeln, und ihr Selbst in der langen Reise entdecken.“

Entdeckung des Selbst und alsbaldige Kreuzzüge. Ist dies ein historischer Zufall? Illich läßt dies unkommentiert. Stattdessen hebt er, eher technologisch betrachtet, eine Übereinstimmung zwischen der Entstehung des Selbst als Person und dem Abheben des Textes von der Seite hervor. Hugo, den „Entdecker des Selbst“ oder sollten wir ihn besser dessen Erfinder nennen, sieht er auf der friedfertigen und bodenständigen Seite. Dieser verlange vom Leser eben nicht, dass er seine Familie und seine gewohnte Umgebung verlasse, um von Ort zu Ort in Richtung Jerusalem oder Santiago zu wandern, sondern erwarte vielmehr, dass sich der Leser ins Exil begebe, um eine Pilgerreise durch die Seiten des Buchs anzutreten, so zu sagen, das Selbst am heimischen Herdfeuer zu entwickeln, lesend, im Kerzenschein statt brandschatzend.

Was gibt diese Analyse her für die Frage, was aus uns wird, wenn wir erst einmal, mit riesigen virtuellen Bibliotheken ausgerüstet, den Bildschirm absuchen – auf der Reise oder zu Hause? Was wird aus unserer Geistesverfassung? Wie aggressiv ist ein sich aus dieser neuen Lesart ergebendes Selbstgefühl? Was droht dem Selbsterleben mit der Vervielfältigung der Möglichkeiten? Was droht anderen von uns? Wie verändert sich unsere leibliche Leseerfahrung? Was tun die Hände, wenn sie keine Seiten mehr zum Anfassen, Umblättern und zum zärtlichen Glattstreifen haben? Was legen wir unters Kopfkissen? Wen oder was stellen wir ins Bücherregal?

Fragen über Fragen. Illich hält sich mit Antworten zurück. Vielleicht habe ich sie überlesen. Immerhin habe ich meinen Urlaub noch vor mir. Ich denke, ich nehme mal „Das lesende Gehirn“ von der Wolf mit. Vielleicht bergen die 350 Seiten Antworten. Voraussetzung ist allerdings, dass ich das Buch noch rechtzeitig kriege. Die Taschenbuchausgabe, die ich vorbestellt habe, sollte Ende August kommen.
Die Auslieferung verzögert sich laut email.
Ebook wär‘ wahrscheinlich schneller gegangen. Was soll‘s? Die Büchertasche ist eh schon fast voll. Die Schuhtasche allerdings auch – zum Wandern.
Ich bin dann mal weg.
Vielleicht lasse ich die Bücher auch zu Hause.
Gerade erfahre ich vom Vermieter des Ferienhauses, dass sich in diesem eine kleine Bibliothek befindet. Mit Romanen und Sachbüchern, die sich mit der umliegenden Gegend befassen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tale?

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Bundesbank will Sarrazin rauswerfen

Sarrazin

Sarrazin muss nun wohl doch seinen Hut nehmen. Die Bundesbank will den Vorstand ablösen lassen.

Seine umstrittenen Thesen über ein zukünftiges Deutschland werden den Bundesbanker nun wohl sein Amt kosten. Der Vorstand beschlossen heute einstimmig, einen Antrag auf Abberufung zu stellen. Das letzte Wort hat nun Bundespräsident Christian Wulff, er muss dem Antrag noch zustimmen.

Die Stellungnahme der Bundesbank:

„Vorstand der Deutschen Bundesbank beantragt Abberufung von Dr. Thilo Sarrazin

Der Vorstand der Deutschen Bundesbank hat heute einstimmig beschlossen, beim Bundespräsidenten die Abberufung von Dr. Thilo Sarrazin als Mitglied des Vorstandes zu beantragen. Der „Corporate Governance“-Beauftragte der Deutschen Bundesbank, Professor Dr. Uwe Schneider, unterstützt diesen Antrag uneingeschränkt.“

Festival Prototypen:// findet statt

Es sah so aus als ob das Festival Prototypen:// in der Dortmunder Nordstadt wegen der Nazi-Demo angesagt werden würde. Das ist vom Tisch.

Unabhängig ob die Nazis am Samstag in Dortmund demonstrieren oder nicht: Protypen:// findet statt. Hier ein paar Infos über das Festival von den Machern sowie ein Programm.

Ein Multimedia-Festival ohne Strom aus der Steckdose – so lautet die Intention des bevorstehenden Projekts vom „Labsa e.V.“. Die Projektautoren und Künstler aus Dortmund möchte mit dem Prototypen:// Festival auf ein langfristig erfolgreiches Zusammenleben des Menschen mit seiner Umwelt aufmerksam machen. Internationale Künstler ( aus Polen, Dänemark, Ungarn und Deutschland) Wissenschaftler und Musiker werden dabei die zentralen Themen globale Energiewende, urbane AgrarKultur und künstlerischer Ausdruck im öffentlichen Raum beleuchten und Beispiele dafür geben, wie sich die Besucher aktiv daran beteiligen können. Von Sonnenaufgang des 4. September bis Sonnenaufgang des 5. September erwarten den Besucher neben Medienkunst, Konzerten und Theater auch Vorträge, Diskussionen und Workshops zum Thema Zukunft.
Der Eintritt auf das Gelände an der Münsterstraße in Dortmund ist kostenlos.

Was? Prototypen://  24-stündiges Multimedia-Festival ohne Strom aus der Steckdose
Wann? 24 Std. lang, von Sonnenaufgang des 4. bis Sonnenaufgang des 5.September 2010
Wo? gARTen an der Münsterstr. Ecke Mühlenstr., nahe Dortmund-Hbf
Mehr? www.labsa.de

Programmübersicht:

06.30 Uhr    Rosa Montana | Sun Yoga für alle | auf der Wiese
10.00 Uhr    Zamok Theater & Jugendlichen des Theater Lebendich |Parade|Innenstadt
10.30 Uhr    Felicity Management | Frühstücks-Matinee | Solar Lounge
ab11.30 Uhr  Maciek Łepkowski, Karolina Witowska | Micro Garden Workshop
Randolf Meyer-Grochowiak | Hochbeet-Workshop
Ulrike Fischer | Aktionskunst |auf der Wiese
12.30 Uhr    Palosanto | Musik | gARTen Bühne
13.30 Uhr    A. Schlumberger – Die Welt retten – kinderleicht | Vortrag | geplant
14.00 Uhr    Binaura | New Media Performance | auf der Wiese
ab14.00 Uhr bedingungsloses Grundeinkommen – Bürgerinitiative  Dortmund  Informationsgespräch | auf der Wiese
15.00 Uhr    rein | Konzert | gARTen Bühne
16.00Uhr     Manfred Linz – Wege zu einer sauberen Energie | Vortrag mit Diskussion | auf der Wiese

18.00 Uhr    Moondog Duo | Konzert | gARTen Bühne
19.30 Uhr    Zamok Theater | Straßentheater | auf der Wiese
20.30 Uhr    Akkustische Jam Sassion | Musik | gARTen Bühne
22.00 Uhr    Fremdform & Radioaisle | Installation & Konzert | auf der Wiese
23.00 Uhr    sweetSixteen Flimclub mit Terry Gilliams “BRAZIL” | 16mm Film | auf der Wiese
01.00 Uhr     L’esprit du temps | Konzert | Solar Lounge
ab 02.30 Uhr Thury Tonarm, Till, VJ Stroms | DJ Set | Solar Lounge
ab 6.00 Uhr  Jessy | Hang Drum Spiel | auf der Wiese

ganztägig
Binaura Performance | Interaktive Installation | ab 14.30 auf der Wiese
Prinzessin Linda Quinda | dokumentarisches Zeichnen – live | auf der Wiese
Irina Berginc | Mobile – Workshop | auf der Wiese
Kim Yasmin Siemon | Intervention im Raum & Workshop | auf der Wiese
Jessy | Massagen | Somnium Zelt
Somnium Traumzelt | Gelegenheit zum Ruhen | ab Sonnenuntergang im Somnium Zelt
Initiative Solarmobil Ruhrgebiet e.V. | Informationsgespräch | auf der Wiese
Ulrike Fischer | Aktionskunst | auf der Wiese

… und Gäste