3 FÜR 7 – Ausgehtipps, immer noch wöchentlich

"Live" ist das große Ding, heißt es. Warum auch nicht. Nur ist "live" halt auch oft einfach "von der Kanzel predigen", und dem gegenüber lassen sich manche Filme, Bilder oder Installationen doch wesentlich anmutiger an. Vor allem wenn es quasi um großes Kino geht: Filme, Jim Rakete, Sonic Youth.

Bereits seit dem 18. Januar hängen in der Ludwiggalerie des Schlosses Oberhausen unter dem Titel "1/8 sec. – Vertraute Fremde" Fotografien von Jim Rakete. Das Schloss in der Nachbarschaft von Autobahnkreuz, Konsumhausen Mitte und McD, genau. Also erstmal irgendwie eine stimmige Veranstaltung: großen Pop gegen großes Übel setzen. Gezeigt werden nicht nur die erwartbaren Schwarzweiß-Portraits von (ihm) bekannten Prominenten, sondern auch eine Studioinstallation und ein recht frischer Film über den Schröder-Freund und Digital-Feind. Wir Besucher können also gleichzeitig über Promis quatschen, Filze checken und Raketes Aesthetik hinterfragen. Und mal wieder den Weg nach Oberhausen finden.

Ebenfalls in dieser Stadt, aber auch in fast jeder anderen des Ruhrgebietes finden ab dem 29. Januar die SchulKinoWochen NRW statt. Dies erlaubt an dieser Stelle nicht nur den Hinweis auf den neuen Blog vom Kollegen Krogull, sondern gibt dem Autoren dieser Zeilen ebenso die Gelegenheit mal seiner Auffassung zur Erziehung zu Medienkompetenz Ausdruck zu geben. Denn ist aus jedem Stück Popkultur irgendein Sinn herauslesbar? Ja. Sollte mensch sich deshalb pausenlos damit abgeben? Nein. Soweit dazu. Auch hier übrigens Semi-Prominente aus dem Kino- und TV-Wesen und sogar Informationen über mögliche Karrieren in diesem Bereich der Unterhaltungsindustrie. Aber natürlich gibt es auch "Die Welle" etc. mit didaktisch wertvollem Material dazu für das Lehrpersonal. Auch dies sicherlich eine spannende Veranstaltung.

Na, und dann halt noch Sonic Youth ziemlich präsent in Düsseldorf. Das (bereits ausverkaufte) Konzert erst im April, aber die Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle schon diesen Freitag um 19 Uhr. Mehr als viele andere hat diese Band (inklusive der Solo- und Seitenprojekte, Labels und sonstiger Aktivitäten) so einem gewissen Bild von "ordentlichen New Yorkern" entsprochen. Überall Querverweise auf die Menschen hinter der Promi-Fassade, Manson hier, Karen Carpenter da, Monroe natürlich, Queer Culture, Hardcore usw. Manchmal hat man den Eindruck man darf in NYC nicht aus dem Haus gehen ohne von SY auf Songintegrations-Kompatibilität abgecheckt zu werden. Und so auch direkt zum ersten Major-Album zu jedem Song ein Video, bei jedem Cover das Exponieren eines Künstlers oder einer Künstlerin, ständiges Dokumentieren von Kollaborationen. Fast als wenn Punk zurück in ProgRock überführt worden wäre, inklusive Verweigerungshaltung beibehalten irgendwie, natürlich. Kurz: Ein respektables Lebenswerk für eine Gitarren orientierte Band der letzten 30 Jahre, die gleichzeitig auch immer eine kleine soziale Bewegung war. Oder ein Teil davon? Es ist egal, aber…

Im Überblick:
Jim Raketes Fotografien noch bis zum 10. Mai täglich außer Montags von 11 bis 18 Uhr im Schloss Oberhausen.
SchulKinoWochen NRW vom 29. Januar bis 18. Februar in diversen Kinos diverser Städte in NRW.
"Sonic Youth etc.: Sensational Fix" bis zum 10. Mai in der Kunsthalle Düsseldorf.

RWI-Chef steigt auf

Einen herzlichen Glückwunsch senden die Ruhrbarone an den Präsidenten des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, 46. Wie das „Handelsblatt“ meldet, wird er neues Mitglied des Sachverständigenrates des Bundes – dem sogenannten Rat der Wirtschaftsweisen. Er folgt auf den amtierenden Vorsitzenden Bert Rürup, der Ende Februar aus dem Rat ausscheidet.

Einen ersten Job hat Schmidt im neuen Amt zu bewältigen. Er muss mit seinen vier Ratskollegen den neuen Vorsitzenden der Weisen wählen. Favorit für den Job ist Wolfgang Wiegard. Rürup hatte den Vorsitz von März 2005 an.

Ruhrgebiet Aktuell am Dienstag

Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und mehr…

Explosionen: Dambusters in den Top-Ten…Denofgeek

Ermittlung: Politiker Lustreisen in Essen…Der Westen

Ruhig: Zumwinkel zum Urteil…FAZ

Der Westen: Blogger sollen DPA-Spuren löschen…Blogbar

IVW: Der Westen und RP-Online…Pottblog

Integration: Die meisten woll…RP-Online

Vision: Internet 1969…Backslash

Belohnung: Geld für pünktlichen Schulbesuch…RN

Pleitewelle: Arztpraxen vor dem Aus…Der Westen

Frank-Walter Obama?

 

Der SPD Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier macht den Obama. Und Steinmeier tut etwas dafür. Er will, dass Deutschland Häftlinge aus dem Lager in Guantanamo in Deutschland aufnimmt. Wie mag wohl auf Murat Kurnaz, der jahrelang in Guantanamo leiden musste, Steinmeiers neu entdeckte Menschlichkeit wirken? Nun gut, jeder kann sich ändern, auch der SPD Kanzlerkandidat, nur hat er das auch?

 

Foto: Armin Kübelbeck

Barack Obama hat angekündigt, Guantanamo zu schließen, und die zuvor von Bush sanktionierten Folterpraktiken zu verbieten. Als Begründung diente Obama der einfache und doch so richtige Satz:"Wir foltern nicht."

Gilt dieser Satz auch für Steinmeier und die SPD? Zweifel sind angebracht. Viele Sozialdemokraten empörten sich gerne über Bushs Folterpraxis, aber ignorieren Steinmeiers enge Beziehungen mit Unrechtsregimen.

Im September 2008 reisten drei BKA Beamter nach Usbekistan, um in einem usbekischen Folterknast einen Verdächtigen zu verhören .  Nach diesem Artikel arbeiten deutsche Beamte mit usbekischen Folterknechten zusammen und nutzen deren Folterergebnisse zu Fahndungszwecken in Deutschland. Wie passt dazu Obamas Satz, „wir foltern nicht“? Im Oktober 2008 besuchte sogar der usbekische Folterminister Rustam Inojatow Deutschland. Kurz zuvor waren Dank des deutschen Außenministers Steinmeiers die EU Einreiseverbote gegen usbekische Regierungsbeamten aufgehoben wurden, die auch dem usbekischen Stasiminister eine Deutschlandreise verwehrt hätten. Die EU Straffmaßnahmen gegen Usbekistan wurden im Oktober 2005 verhängt als Reaktion auf das Massaker von Andischan. Der usbekische Präsident Islam Karimow hatte am 13 Mai 2005 von Panzerwagen aus einen Volksaufstand niederschießen lassen.

Trotz des Massakers und schlimmer Menschenrechtsverletzungen macht Steinmeier mit Hilfe der  EU-Zentralasienstrategie Karimow und seine MachtkamarilIa zu einem Partner Deutschlands und der EU. Die deutsche Bundeswehr nutzt unverändert in Usbekistan einen Luftwaffenstützpunkt für den Afghanistaneinsatz. Die deutsch usbekische Annährung bringt allerdings keine Änderungen des Regimes in Zentralasien. Der von Steinmeier immer wieder hochgehaltene Menschenrechtsdialog mit dem usbekischen Despoten erreichte das Gegenteil: Steinmeiers Menschenrechtsdialog änderte nicht die usbekische Unterdrückung, sondern führte dazu, dass deutsche Beamte mit usbekischen Folterknechten kooperieren.

Ich habe der SPD und ihrem Kanzlerkandidaten am Montag, den 26. Januar 2009 über ihren Webseite  folgende Fragen zukommen lassen:

Wie bewertet der SPD Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier die Einschätzung der UN, dass Folter in Usbekistan "systematisch" angewandt wird?

Stimmt es, dass der SPD Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier die Aussage von Barack Obama einen Tag nach der Inauguration „wir foltern nicht“ für politisch richtig hält?

Wird SPD Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier zukünftig verhindern, dass deutsche Beamte in Folterstaaten wie Usbekistan Vernehmungen durchführen?

Ist es ein Erfolg der von Steinmeier geförderten Zentralasienstrategie, dass der usbekische Minister für Staatssicherheit Rustam Inoyatow Deutschland besuchen  und deutsche BKA Beamte in usbekischen Gefängnissen Verdächtige vernehmen konnten?

Ist es ein Erfolg des mit Usbekistan in der EU- Zentralasienstrategie gemeinsam vereinbarten Kampf gegen Drogenhandel, dass die usbekische Polizei dem Journalisten Salidschon Abdurachmanow erst Drogen unterschiebt und ihn dann usbekische Gerichte zu 10 Jahren Haft verurteilenwww.reporter-ohne-grenzen.de/index.php?

 

 

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Her mit den Erneuerbaren

Wieder einmal gibt es Streit um die hohen Stromkosten in Deutschland. Dieses Mal geht der Aluminiumhersteller Norsk Hydro auf die Barrikaden. Gibt es keinen Discount beim Stromeinkauf, dann könnte noch im Februar die Hütte in Neuss dicht gemacht werden.

Die Hersteller stecken mit dem Einbruch der Alu-Preise an der Börse in der Klemme, viele schreiben rote Zahlen. So auch die Hydro-Hütte in Neuss, immerhin die größte ihrer Art in Deutschland. Grundproblem sind nicht die Aluminiumpreise an der Börse, sondern die Strompreise in Deutschland. Für die Herstellung des Metalls werden Unmengen davon gebraucht. Die Hütte in Neuss verbraucht so viel wie die Stadt Düsseldorf.

Die letzten Neubauten haben daher in Brasilien oder dem Nahen Osten stattgefunden. Da ist billiger Strom verfügbar, gewonnen aus Wasserkraft oder Gas. Die deutschen Hersteller können da bei den Kosten nicht mithalten. Dass zeigt sich in dieser Krise und an der drohenden Schließung des Neusser Werks. Hydro steht aber nicht alleine da. Auch andere Hütten verbrauchen viel Strom, um Kupfer, Stahl oder andere Metalle zu produzieren.

Sollen wir nun diese Industrien ziehen lassen? Ich finde nicht, denn schau ich mir die Umweltstandards in China an – dem weltweit größten Alu-Produzenten -, dann wird mir Angst und Bange. In vielen Fabriken werden Abgase ungefiltert abgelassen.

Was also tun? RWE & Co billige Verträge aufzwingen; in der freien Marktwirtschaft nicht machbar. Außerdem würde das nur eine Teilentlastung bringen.

Nötig ist eine langfristige Lösung. Und da denke ich an die Erneuerbaren Energien. Im Moment sind die zwar noch teuer, aber die Preise fallen. Und sie werden weiter massiv fallen. Schon bald ist Strom aus Windkraft billiger als aus Kohle. Die Solarindustrie wird noch einige Jahres länger brauchen. Aber sie wird es in drei bis fünf Jahren schaffen, mit den konventionellen Brennstoffen gleichzuziehen.

Wenn wir die Erneuerbaren weiter pushen, dann können wir stromintensive Industrien in Deutschland und Europa halten. Die jetzige Krise ist der richtige Moment für ein Umsteuern. Gesellschaft und Wirtschaft sind offen für neue Ansätze. Ganz nebenbei schafft sich Deutschland mit der Wind- und Solarbranche einen neuen Exportmotor.

Landschaftsverbände sollen sparen

Im Namen der Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebiets hat Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz einen Brief an die Landschaftsverbände  geschrieben. Die Städte wollen eine Erhöhung der Umlage für die Zwangsverbände verhindern.

Noch kassiert der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) von seinen Mitgliedkörperschaften eine Umlage von 14,6 %. Mit diesem Geld finanziert er nicht nur Krankenhäuser und Pflegeheime, sondern auch Verlage  und Nahverkehrsunternehmen im Münster- und Sauerland.
Damit soll bald Schluss sein: Der Verband, der natürlich weit weg vom Ruhrgebiet im wohlhabenden Münster residiert, will künftig so viel Kohle wie seine in Düsseldorf ansässigen Kollegen aus dem Landschaftsverband Rheinland (LVR): 15,8 Prozent.

Nachdem schon im vergangenen Jahr der Kreis Recklinghausen und seine Städte gegen die Gier der Münsteraner protestiert haben, wenden sich nun alle Städte des Reviers gegen den LWL. Bochums OB Scholz, stellvertretend für alle Kommunen des Ruhrgebiets in einem Schreiben an  LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch und LVR-Direktor Harry K. Voigtsberger, das mir vorliegt: „Die im Entwurf der Haushaltssatzung für das Haushaltsjahr 2009 vorgesehene Erhöhung des Hebesatzes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe um 1,2 Prozentpunkte auf 15,8 Prozent wird von den Städten und Kreisen der Metropole Ruhr für völlig inakzeptabel gehalten. Die Erhöhung bedeutet zusätzliche Aufwendungen von mehreren Millionen für jede Gebietskörperschaft“

Zwar sähen die Städte ein, so das Schreiben, dass die Lasten der Landschaftsverbände gestiegen seien, doch das würde den Städten nicht anders ergehen: „ Die vorliegenden Eckdaten des Haushalts 2009 des LWL lassen erkennen, dass mit der vorgeschlagenen Erhöhung der Landschaftsumlage ein Gesamtüberschuss von 35,3 Mio. Euro verbunden wäre. Im Haushalt ist eine Sondertilgung von 38 Mio. Euro sowie die Übernahmen von Altdefiziten von 30 Mio. vorgesehen. Deshalb fordern wir die Spitzen der Verbände auf, alle Möglichkeiten einer internen Kompensation auszuschöpfen.“ Nicht nur der LWL soll auf eine Erhöhung verzichten, auch die Rheinländer sollen sparen – nach dem Willen der Ruhrgebietsbürgermeister sollen die ihre Umlage auf 14,6 % senken.

„Starkes Sozialsystem hemmt Integration“

Für Dr. Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien (ZfT) bietet die Einwandererstudie des Berlin-Instituts wenig neue Erkenntnisse. Das ZfT warnt vor einem Ranking der Migrantengruppen.

„Es gibt viele Gründe, warum sich Migranten aus der Türkei mehr Probleme bei der Integration haben als andere Gruppen, aber es ist unfair so zu tun, als ob es an der mangelnden Integrationswilligkeit liegt“, so Dr. Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. Natürlich spielen laut Halm die relativ große Fremdheit der Kultur und auch die Religion eine wichtige Rolle. 93 % aller in Deutschland lebenden Türken oder türkischstämmiger Migranten heiraten innerhalb ihrer Community – Integration über familiäre Beziehungen fällt, im Gegensatz zu anderen Migrantengruppen, so fast vollkommen weg. Türken und Deutsche bleiben sich fremd – gemeinsame Familienfeiern sind seltene Ausnahmen.

„Aber das ist nicht alles“, erinnert Halm, „als es in den 80er Jahren Rückkehrprämien für Migranten aus der Türkei gab wurden zeitgleich die Mittel für die Integration der Aussiedler erhöht. Die Erfolge können heute betrachtet werden.“

Allerdings räumt Halm ein, dass die Rückkehrhilfen allen Ausländern zur Verfügung standen, ein wichtiges Problem jedoch die wirtschaftliche Schwäche der Türkei sei. Halm verweist darauf, dass die Grünung des Staates Polen  nach dem Ende des ersten Weltkriegs dazu geführt hat, das nahezu die Hälfte aller polnischen Einwanderer das Ruhrgebiet wieder verlassen hätten. Halm: „Geblieben seien die diejenigen, die sich bewusst für Deutschland als Lebensmittelpunkt entschieden haben. Das war auch bei den Griechen oder Spaniern so, die in der Studie gut abgeschnitten haben: Diejenigen, die nicht in Deutschland leben wollten, fanden eine wirtschaftliche Perspektive in ihren Herkunftsländern und sind längst zurückgekehrt. Die Türkei bietet eine solche Perspektive bis heute auch für diejenigen nicht, die sich in Deutschland sehr schwer tun.“

Die Politik müsse nun Maßnahmen treffen, um das Problem zu verringern, fordert Halm. Ein Ranking der Migrantengruppen sei unsinnig, zumal sich ja auch zeige, dass der Intergrationserfolg von der wirtschaftlichen Stärke der Region zu tun hat, in der die Migranten leben: In München seien die Probleme geringer als in Duisburg oder Bochum „Ein Erfolgsschlüssel liegt in der Bildung. Vor allem die Sprachkompetenz muss verbessert werden, wenn türkischstämmige Migranten künftig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sollen.“ Aber Halm weist auch auf den stark ausgebauten Sozialstaat als Integrationshemmnis hin: „Die Erfahrungen in den Niederlanden oder in Schweden zeigen, dass politisch proklamierter Multikulturalismus und ein starkes Sozialsystem die Integration schwieriger machen. In Ländern wie England, die nur ein schwach geknüpftes soziales Netz haben, ist die Notwendigkeit zur Integration größer.“

Wie das so läuft, mit dem Konjunkturgeld im Pott

Foto: flickr.com / Phreak 2.0

Das Konjunkturpaket für die Städte im Ruhrgebiet kommt. Doch wie nach der versprochenen Kohle schnappen? Wie in Essen bereiten sich die Gemeinden zwischen Duisburg und Dortmund darauf vor, eine Antragsflut auszulösen. Nur an ein gemeinsames Vorgehen des Reviers scheint keiner zu denken.

Das Büro 13.39 im Essener Rathaus ist schmucklos. Bis auf diesen mächtigen Baum, der mitten im Zimmer wächst. Es ist ein Ficus. Er streckt seine Äste weit von sich, wie die Arme eines erwachsenen Mannes. Die obersten Blätter biegen sich erst an der Decke herab. Hartwig Steinbrink fühlt sich hier wohl. Der Leiter des Umweltamtes kann die Ruhe des Baumes gerade gut gebrauchen, denn Steinbrink leitet in Essen die Operation „Konjunkturpaket II.“

Es steht viel auf dem Spiel. Die Bundesregierung hat insgesamt 37 Mrd Euro bereitgestellt. Davon sollen 14 Mrd Euro in das umfassenste Konjunkturprogramm der öffentlichen Hand seit Bestehen der Bundesrepublik gesteckt werden. Die große Koalition hat die entsprechenden Rahmenbeschlüsse in der vergangenen Woche gefasst. Jetzt geht es um die Details. Bis März soll der Bundestag über das Vorhaben abstimmen. Erst vor zwei Tagen traf sich Bundeskanzlerin Merkel mit ausgewählten Oberbürgermeistern, etwa aus Duisburg, um das Projekt Rettung zu besprechen.

In Essen brummt es in allen Abteilungen. Die Tochterfirmen der Kommune, die Eigenbetriebe, die Ordnungshüter, die Immobilienverwaltung, das Schulamt und alle anderen fahnden nach Vorhaben, auf die die Beschreibungen des Konjunkturpaketes passen. Es geht darum, einen möglichst großen Schlag aus dem Subventionstopf abzubekommen. Steinbrink ist als Leiter des Umweltamtes so eine Art Chef der Förderfirscher. Er muss den Informationsfluss kontrollieren. Er füttert die Abteilungen mit neuen Details aus Berlin, sobald wieder etwas durchsickert. Und sammelt dann die Ergebnisse. Einmal in der Woche muss er dem Essener Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger rapportieren. Steinbrink: „Wir müssen möglichst schnell wissen, wie genau die Förderprogramme aussehen, und gleichzeitig verwaltungsintern die Entscheidungen vorbereiten, damit wir punktgenau in den Startlöchern stehen, wenn die Anträge gestellt werden können.“

Nach den bisher bekannten Plänen will der Bund selbst vier Mrd Euro investieren. Zehn Mrd sollen an die Länder ausgeschüttet werden. Diese wiederum sind verpflichtet, rund 2,5 Mrd Euro als Eigenanteil dazuzugeben und das Geld weitestgehend an die Kommunen weiterzureichen. Nach den Wünschen von Bundeskanzlerin Angela Merkel soll mindestens die Hälfte der Milliarden noch in diesem Jahr unter die Leute gebracht werden.

Wie genau das geschieht, darum kümmern sich Leute wie Hartwig Steinbrink aus Essen. Der Verwaltungsfachmann durchforstet die Details der Programme und stellt Faustrechnungen an. Der Königssteiner Schlüssel wird üblicherweise herangezogen, wenn Bundesgeld unter die Länder aufgeteilt wird. Nach diesem Schlüssel kann das Land Nordrhein-Westfalen mir ungefähr 21 Prozent der Gesamtsumme rechnen. Etwa 700 Mio Euro will die Landesregierung zur Sanierung der Universitäten abziehen. Bleiben für die Stadt Essen zwischen 50 und 60 Mio Euro – wenn das Restgeld nach dem Einwohner-Schlüssel an die Kommunen weitergereicht wird. Vielleicht ist es auch mehr, vielleicht weniger. Steinbrink will sich da nicht festlegen. „Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist es viel Geld.“

Doch dann beginnen schon die Probleme. Immer deutlicher wird sichtbar, dass die Bundesregierung ein restriktives Fördermanagement durchsetzen will. Statt den Kommunen freie Hand bei den Investitionen zu geben, werden Anträge, Berichte und Nachweise verlangt. 65 Prozent der Fördersummen sollen in die Bildung gesteckt werden. Vorrangig soll das Geld zur „energetischen Sanierung“ von Schulen und Kindergärten eingesetzt werden. Steinbrink reagiert auf die Vorgabe. Er lässt untersuchen, in welchen Kindergarten noch Regelanlagen für Heizungen eingebaut werden können, welche Schule neue Fenster braucht und wo ein Dach Dämmstoff vertragen kann. „Wir müssen auf etliches achten, damit das Geld nicht verschleudert wird“, sagt Steinbrink. Zunächst gelte es, zu klären, welche Maßnahmen Sinn machen und dann muss auch noch untersucht werden, ob es die Schule oder den Kindergarten in zehn Jahren überhaupt noch gibt. „Etliche Fachbereiche sind in die Auswahl der Projekte eingeschaltet.“

Zu tun gibt es genug. Da ist zum Beispiel die Karlschule in Essen-Altenessen. Das Gebäude stammt ursprünglich aus dem Jahr 1884. Danach wurde angebaut und umgebaut, bis im Weltkrieg Brandbomben das Gebäude zerfetzten. Aus den Trümmern wiedererstanden, wurde die Schule 1952 erneut eröffnet. Heute ist die Karlschule eine Grundschule mit zehn Klassen. Und der Baugrund verbesserungsfähig. Das gleiche Muster gibt es an duzenden anderen Schulen in Essen und im übrigen Ruhrgebiet. Etliche Gebäude stammen aus den Aufbruchjahren der Montanregion. Der Rest sind Nachkriegsbauten oder Zweckgebäude aus den Kinderreichen Siebzigern. Nur noch selten wird heute eine Schule im Westen neu gebaut. Eher werden die Häuser dicht zu machen, wegen Kindermangel.

Steinbrink schielt aber auch noch auf einen zweiten Förderblock. Und zwar sollen 35 Prozent der Gesamtsumme nach dem Wunsch der großen Koalition in Berlin in die Erneuerung der Infrastruktur fließen. Die Bundesregierung denkt daran, Krankenhäuser zu fördern, Straßen zu bauen und die Informationstechnologie zu unterstützen. Dinge, die sowieso gemacht werden müssen. Steinbrink denkt darüber nach, wie er besonders interessante Projekte definieren kann. Man könnte kaputte Straßen mit einem Flüsterasphalt neu zupflastern. Oder neue Daten-Leitungen legen.
Steinbrink will alle Ideen sammeln und in den nächsten Wochen eine Prioritätenliste aufstellen, was unter welchen Bedingungen realisiert werden soll.

Doch bis es soweit ist, müssen nach Ansicht von Steinbrink noch etliche Probleme gelöst werden. Die Förderprogramme des Bundes sollen als Zusatzinvestitionen wie ein Zuckerhut auf die Spitze der kommunalen Haushalte geschüttet werden. Sie sollen keine Sowieso-Ausgaben ersetzen. Gerade bei Städten, die mit einem Nothaushalt arbeiten müssen, wirft das Schwierigkeiten auf. Für die alten Projekte war bislang einfach kein Geld da. Steinbrink: „Die stehen zwar im Haushalt, waren bis jetzt aber nur Papiertiger.“ Mit den Millionen aus dem Konjunkturpaket ließe sich das ändern. Doch gelten diese Vorhaben dann als förderfähige neue oder als unwürdige alte Projekte? 

Auch bei der Umsetzung der Programme gibt es noch Unwägbarkeiten. Durch die strikten Richtlinien der Programme kommt nur wenige duzend Gewerke in Frage, die unmittelbar von den Zusatzinvestitionen profitieren können. Zudem können und sollen in den meisten Fällen Aufträge nur im engsten Umfeld der Kommune vergeben werden. Europaweite Ausschreibungen sollen ganz vermieden werden. Die entsprechenden Regeln wurden im Konjunkturpaket aufgeweicht.

Nur ein Beispiel: Wenn in einer Region wie dem Ruhrgebiet zeitgleich alle Städte ihre Schulen wärmedämmen wollen, freuen sich die wenigen Spezialisten, die das können. Sie schrauben ihre Preise hoch. Intern rechnet die Bundesregierung damit, dass ein kurzfristiges Wachstum je Branche in Höhe von 20 Prozent preisneutral verträglich ist. Sollte es zu mehr kommen, wird es schwierig. Damit stellt sich die Frage nach einer regionalen Koordinierung der Förderprogramme. Und nach einer möglichen Flexibilisierung. Beides ist ungeklärt.

Gleichzeitig tauchen immer mehr Forderungen an die Landesregierung auf, das Geld aus dem Konjunkturprogramm nur an Städte rauszurücken, die sich auf en gemeinsames Vorgehen einigen. So etwas fordert beispielsweise der Chef der RAG-Stiftung, Wilhelm Bonse-Geuking. Und Klaus Tenfelde von der "Intitiative Stadt Ruhr" wird sogar noch konkreter. Er will, dass Konjunkturgeld in den Öffentlichen Personennahverkehr fließt. Weil das allen Städten im Revier nutzt.

Steinbrink trägt einen Kinnbart und ein Cordjaket. Viele Details kann er noch nicht nennen. Welche Schule mit einem Segen rechnen kann und welche nicht. Aber wenn er unter seinem Raumhohen Ficus sitzt, denkt er manchmal drüber nach, ob Essen nach einem solchen Investitionsprogramm sein Gesicht verändern wird? Heute glaubt er eher nicht daran. Großprojekte wie ein neues Museum wird es nicht geben. Und nur die könnten tatsächlich den Eindruck einer Stadt verändern. Dafür dürften viele Menschen profitieren, die tatsächlich vor Ort die Gebäude nutzen. Die Schüler und Lehrer und Arbeiter. „Die merken das.“

In einer Studie kommen die Forscher des Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen zu dem Ergebnis, dass Konjunkturpaket der Regierung könne ein Erfolg werden. In diesem Jahr könnten demnach 125.000 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert werden.

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So war’s: Das 13. JOE Jazz Festival Essen

Immer zu Beginn eines Jahres steht für die Jazzszene Essens direkt der Höhepunkt im Heimatstadtprogramm an: Das dreitägige Festival der Jazz Offensive Essen. Und auch 2009 ließ sich wieder einiges beobachten. Eindrücke zu Business, Basis und Programm.

Zunächst einmal ist der Austragungsort, das Katakomben-Theater im Girardet-Center, ein durchaus realistischer: Wer pünktlich da ist kommt noch rein und erhält sogar so eben noch einen Sitzplatz. Das macht alle Jahre wieder die Kalkulation leicht, und die theater- bis kinohafte Atmosphäre wird durch die am Rand der Tribüne stehenden Gäste zum Glück noch ein wenig aufgelockert. Dies gesagt ist man allerdings schon bei der vorsichtigen Kritik: Wenn in der Stadt der Jazzclub fehlt und das Festival somit die einzige ernst zu nehmende Repräsentation im Live-Geschehen übernehmen muss, dann wirkt hier alles ein klein wenig brav und akademisch, Rauchverbot hin oder her. Man hustet ungern, sozusagen. Und damit zum Programm, denn die Musiker (keine Frau diesmal) müssen damit ja umgehen.


Es wäre einfach zu sagen, dass der Samstag am ehesten auf Show gebürstet ist und der Freitag und der Sonntag eher gepflegte Qualität bieten. Denn natürlich ist es richtig, lokale Größen zu präsentieren, ob Hartmut Kracht nun sein Gitarren orientiertes Trio vorstellt oder Klare / Siegel / Camatta das ihre. Diese spielen jeweils zu Beginn, am Samstag übernimmt diesen Part mit Die Mikronesische Mafia von Moritz Ecker allerdings sogar eine große Band mit begleitender Filmtrick-Untermalung. Eine ordentliche Einstimmung jeweils, und bei Klare / Siegel / Camatta (unscharfes Foto) zusätzlich der Eindruck, dass Humor ebenfalls ein durchaus vor sich her getragenes Charaktermerkmal der Jazzer der Stadt ist. Dies toppt am Samstag allerdings Dieter Ilg solo mit Kontrabass ganz alleine. Wie er eigene mit Fremdkompositionen verbindet, mit seinem Instrument spricht oder bei "Animal Farm" erst zum Ende hin überhaupt die Saiten benutzt: Das hat Klasse und strahlt eine ungeheure Souveränität aus. Ganz klar der sichere Höhepunkt des Wochenendes.

Mit dem Pablo Held Trio am Freitag und Three Fall am Samstag müssen die "jungen Genies" definitiv noch erwähnt werden. Ersterer ein bewanderter Pianist, letztere ein Trio bestehend aus Schlagzeug/Percussion, Tenorsaxophon und Posaune, das den wohl urbansten Klang des Festivals beisteuert. Mal entsteht der Eindruck, die Bläser spielten ihre Instrumente quasi doppelt, dann wird es tanzbar, dann schauen die Lounge Lizards um die Ecke und als nächstes findet man sich akustisch auf einer einsamen Insel. Diese Gruppe geht frischestens nach vorne, klingt modern und hat offensichtlich großen Spaß, den Abend zu beschließen. Eine ganz klare Empfehlung!

Resümée? In seiner Ausgewogenheit ist das Festival vor allem eine gute Visitenkarte für das was möglich ist in Essen. Und wenn hierzu viele nach z.B. Köln abgewanderte Musiker wieder vorbei schauen, bleibt dies auch für alle Beteiligten immer wieder etwas Besonderes, schon recht nahe am Familientreffen mit Gaststars. Aber schaut man weiter, was als nächstes auf dem Jahreskalender der Jazzfreunde steht, dann wird klar, dass in Essen mehr live passieren muss. Denn die allmonatlichen Filmabende mit zusammen geschnittenem Konzertfilmmaterial von Lutz Felgner im Kinosaal des JZE Papestraße – am 11. Februar "More Sax" mit Charlie Mariano, Bob Mintzer und Anthony Braxton – sind zwar eine wundervolle und empfehlenswerte Sache. Doch dass eine solche Veranstaltung überhaupt so weit im Vordergrund des Jazzprogramms der Folkwang-Stadt steht – das darf im Grunde nicht sein. Da fehlt die Spielwiese, da fehlt der Club. Und somit auch eine Institution die es dem Festival leichter machen würde, noch mehr Publikum anzuziehen und verdient weiter zu wachsen.