Warum es keine gute Idee von Ullstein ist, “Hillbilly-Elegie” von J.D. Vance aus dem Programm zu nehmen

J. D. Vance Foto: Gage Skidmore Lizenz: CC BY-SA 2.0


Der Ullstein Verlag hat “Hillbilly-Elegie” von J.D. Vance aus dem Programm geworfen.

Der Spiegel berichtet, dass sich der Ullstein-Verlag in der vergangenen Woche dafür entschieden hat, den Lizenzvertrag mit J.D. Vance nicht zu verlängern und entsprechend keinen Nachdruck zu liefern. Als maßgeblicher Grund dafür wird der politische Wandel des Autors angeführt: „“Zum Zeitpunkt des Erscheinens”, so der Verlag, “lieferte das Buch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Auseinanderdriftens der US-Gesellschaft.” Vance habe eine authentische Darstellung vom Aufwachsen in der verarmten weißen Arbeiterklasse geboten, zudem habe er sich damals wiederholt von Donald Trump distanziert. “Inzwischen agiert er offiziell an dessen Seite und vertritt eine aggressiv-demagogische, ausgrenzende Politik”, teilt der Ullstein-Verlag mit. So habe sich der Verlag kürzlich entschlossen, den Vertrag mit dem Autor nicht zu erneuern.“

Es steht natürlich jedem Unternehmen frei, sich seine Partner auszusuchen und wenn Ullstein mit Vance, der gute Chancen hat, als “Running Mate” von Trump der nächste Vizepräsident der USA zu werden, nichts mehr zu tun haben will, ist das zu akzeptieren. Unklug ist die Entscheidung trotzdem: Vance steht kurz davor, einer der wichtigsten Politiker der Welt zu werden. Trump ist 78, Vance im Fall seiner Wahl einen Herzinfarkt davon entfernt, US-Präsident zu werden. Es ist wichtig zu wissen, wo die Wurzeln eines solchen Politikers liegen. Das Buch hat zwar nicht die Qualität von Arlie Hochschilds “Fremd im eigenen Land”, das, bei aller Empathie, wesentlich analytischer den Niedergang der weißen Arbeiterklasse in den USA beschreibt, ist aber als Lebensgeschichte eines Jungen, der in Ohio und Kentucky aufwuchs, trotzdem eine wichtige Quelle, um die heutigen USA und die Wähler Trumps zu verstehen. Vance beschreibt nicht einfach nur die Probleme der weißen Arbeiterklasse und seinen Aufstieg zum Juristen, der in Yale studierte. Sein Buch gibt einen Einblick in Denk- und Verhaltensmuster, welche die Menschen daran hindert, sich aus ihrer Lage zu befreien. Er beschreibt, wie Menschen, die nicht mehr arbeiten und es auch nicht mehr wollen, zum Beispiel am Mythos festhalten, dass sie selbst harte Arbeiter wären. Dabei gelingt es ihm, seiner Klasse nicht in den Rücken zu fallen. An jeder Stelle macht er seine Verbundenheit mit der Schicht deutlich, aus der er kam. Das Buch, erschienen 2016, hat nichts von seiner Kraft verloren und durch die politische Karriere von Vance an Bedeutung gewonnen. Es aus dem Programm zu nehmen, wirkt feige. Man hat den Eindruck, dass sich Ullstein vor Kritik beugt, bevor sie überhaupt ausgesprochen wird.

Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn Bücher von Autoren, die als Personen in der Kritik stehen, aus den Bestelllisten verschwinden. Man kann den heutigen postkolonialen Antisemitismus nicht verstehen, ohne das Buch „Orientalismus“ von Edward Said zu kennen. Für Said war Israel ein Kolonialstaat weißer Siedler. Aber das kann kein Grund sein, Saids Buch zurückzuziehen. Wir können die Welt nicht verstehen, wenn wir keinen Zugriff auf die Quellen haben, die, unabhängig von den Autoren, ihre geistigen Grundlagen bilden. Die Frage staatlicher Subventionierung von zum Beispiel antisemitischen Künstlern, um die es auch in diesem Blog häufig geht, ist eine vollkommen andere: Nicht alles sollte mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, denn jede Förderung ist am Ende auch eine politische Positionierung des Staates mit dem Geld der Steuerzahler. Aber es ist bedenklich, wenn wichtige Quellen nicht mehr zur Verfügung stehen. Vances Buch wird bald einen neuen Verlag finden. Nicht nur weil es lesenswert, sondern weil es ein Bestseller ist. Ullsteins Rückzug, der nicht mit dem Inhalt des Buches begründet ist, könnte so einem vielleicht rechtsradikalen Kleinverlag Einnahmen bescheren, die ihm die Finanzierung anderer Bücher ermöglicht. Wenn Ullstein mit dem heutigen Vance ein Problem hat, der sich vom Trump-Verächter früherer Jahre zum Trump-Fanboy gewandelt hat, wäre es besser, die Einnahmen aus dem Buchverkauf zu spenden. Ein Projekt zu finden, das dem 2016er Vance gefallen und vom 2024er Vance abgelehnt wird, dürfte kein Problem sein.

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