Wie wird Peak Anti-Woke?

Lässt sich der anti-woke Flächenbrand noch stoppen? Foto: R. v. Cube

Die „Stone Roastery“ in South Carolina hat eine „non-woke“ Kaffeeröstung im Programm. Da fragt man sich, was das sein soll, ein nicht-woker Kaffee. Kaffee soll ja eigentlich wach machen, wenn schon nicht im übertragenden, so wenigstens im wörtlichen Sinne.

Was umgekehrt „woke“ Produkte sind, ist ja auch schon etwas fraglich, aber doch zu erahnen. Als kritischer Mensch hinterfragt man natürlich, wenn Firmen ihren Kram als „nachhaltig“, „fair gehandelt“, „bio“ und so weiter labeln oder wenn sie Regenbogenflaggen draufdrucken. Tut man wirklich eine so gute Tat, wenn man beim Drogerie-Discounter ein „Kurkmuma-Biomalve-Pecan-Shampoo“ kauft? Wie viel Bio-Malve ist da wohl drin, in der Seife? Und wie viel schlechter wäre die Welt, wenn die nicht „bio“ wäre? Was zum Teufel ist überhaupt Malve?

Auf was aber nagelt man, umgekehrt, „non-woken Kaffee“ fest?

Wir garantieren, dass wir für jedes Kilo Kaffee einen Quadratmeter Regenwald roden?

Wir versprechen, dass die Pflücker dieses Kaffees einen Maximallohn von 50 Cent die Stunde erhalten haben?

In unserem Betrieb gab es -28- Tage in Folge sexuelle Übergriffe?

Haltung als Ware

Das Unbehagen an den Ungerechtigkeiten dieser Welt und an ihrer Zerstörung lässt sich verkaufsfördernd auf genau jene Prozesse anwenden, die eigentlich dafür verantwortlich sind. Wer von der entfesselten globalen Konsumtretmühle angewidert ist, bekommt als Antwort von ihr: Produkte. Der Trend zu „woken“ Produkten zeigt zunächst mal, wie gut der Markt funktioniert. Nicht in dem Sinne, dass er Dinge zum Guten regelt, sondern, dass er alles eingemeindet und noch die Kritik an sich selbst als Marketing wieder ausspuckt. Er verkauft das diffuse Gefühl, mit den zusätzlichen 50 Cent für die Biovariante vielleicht nicht ganz so viel Schaden anzurichten wie sonst; das Gefühl, am Konsumzirkus teilnehmen zu können und dennoch auf der guten Seite zu stehen.

Denn unsere schiere Existenz richtet Schaden an. Keiner kann persönlich etwas dafür, aber in der Summe richten wir den Planeten zugrunde und kein vernunftbegabter Mensch kann sich damit wohlfühlen. In der Summe gibt es auch mehr Menschen, die in miserablen Verhältnissen leben, weil sie hungern, weil sie ausgebeutet werden, weil sie in Vierteln mit hoher Kriminalität leben, keinen Zugang zu guter Bildung haben, weil sie wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden, weil sie wegen ihres Geschlechts als frei verfügbare Objekte behandelt werden und so weiter. Auch damit kann sich keiner wohlfühlen. Es ist normal, das ändern zu wollen. Es ist eine menschliche Pflicht, das ändern zu wollen. Diesen Widerspruch – dass man nun mal leben muss, dass man nun mal nicht jedem helfen kann, dass es einem vielleicht besser geht, als objektiv gesehen fair wäre, dass es einem andererseits schlecht genug geht, um erstmal selbst zu sehen, wo man bleibt, dass man vielleicht in einem Bereich wirklich engagiert ist, aber einen anderen vernachlässigt – diesen Widerspruch spüren sie vermutlich alle, die Woken wie die Anti-Woken.

Kognitive Dissonanz

Die Reaktion der „Woken“ (und ich benutze hier sehr bewusst Anführungsstriche), so scheint es jedenfalls den „Anti-Woken“, ist eine moralische Überhöhung, der sprichwörtliche erhobene Zeigefinger, die Ausgrenzung und immer weiter getriebene Selbstbestätigung, besser zu sein als die tumbe Masse. So lässt sich der Widerspruch ertragen. Die Verhältnisse sind schlimm, aber nicht wegen einem selbst, sondern wegen der anderen, die nicht „erweckt“ sind.

Die Reaktion der „Anti-Woken“ ist die pauschale Abwehr. Statt einzelne, tatsächlich ungerechtfertigte oder lächerliche Auswüchse zu kritisieren (oder – warum eigentlich nicht? – zu ignorieren), wird die ganze Idee verächtlich gemacht. Nur Auswüchse zu kritisieren, würde die kognitive Dissonanz nicht auflösen, denn in den meisten Fällen haben die Woken ja recht. Nur, wer das Kind mit dem Bade ausschüttet, kann sich der Schreie des Kindes entledigen.

Denn schauen wir noch mal genau hin: Was ist denn „woke“, wenn man es ernst nimmt? Natürlich ist der Begriff von rechter Seite vereinnahmt worden, wie alles. Natürlich kann man argumentieren, dass „woke“ mittlerweile nicht mehr einfach „Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung und negativen Entwicklungen“ heißt, wie ursprünglich, sondern sich als Ausdruck für spezielle, übertriebene Auswüchse einzelner selbstverliebter „Social Justice Warriors“ etabliert hat.

Aber das wäre nur ein Teil der Wahrheit. Denn gleichzeitig mit der angeblichen Engführung auf bestimmte, absurde Auswüchse (z.B. die Ausgrenzung von weißen Menschen mit Dreadlocks) erfährt der Begriff eine noch viel absurdere Generalisierung. Das geht so weit, dass es Donald Trump gelungen ist, „Woke“ die Schuld an einem Flugzeugabsturz zu geben. Dass der US-Sondergesandte Grenell der Regierung von Rumänien vorwirft, einen Vergewaltigungsprozess gegen Andrew Tate zu führen, weil dieser nicht „woke“ sei. Der Trick ist also, eine Einstellung zunächst anhand von Extrembeispielen lächerlich zu machen und dann diese Lächerlichkeit auf alles auszuweiten, was entfernt dieser Einstellung ähnelt. Wenn „Me Too“ woke ist, dann ist die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigern auch woke.

Lustigmachen als Abwehr

Auch am Beispiel der Klimakleber lässt sich das gut erkennen. Sie haben der Sache vermutlich tatsächlich einen Bärendienst erwiesen. Denn es gab eine Zeit, in der außer einigen Querdenkern niemand auf die Idee gekommen wäre, die Notwendigkeit von Klimaschutz zu bezweifeln. Auch in CDU und FDP und bei ihren Anhängern bestand Konsens, dass wir es hier mit einem ernsthaften Problem zu tun haben, das dringend angegangen werden muss. Die Klimakleber haben zwar einen Nerv getroffen, indem sie die Deutschen bei ihrer größten Leidenschaft gestört haben, sie haben zwar für mehr Aufsehen gesorgt als tausende von Schulstreiks in den Jahren zuvor, aber sie haben nicht geahnt, wie sehr man sich auf die Möglichkeit stürzen würde, sie als Verrückte hinzustellen. Und gleich alles mit „Klima“ dazu.

Der Seufzer der Erleichterung, der durchs Land ging, als Klimaschutz plötzlich lächerlich wurde, ist immer noch zu hören. Natürlich wird ein seriöser Politiker nicht einfach sagen, es brauche gar keinen Klimaschutz. Aber die Haltung, dass das alles übertrieben ist (was auch immer „das alles“ heißt), das spöttische Lachen, wenn jemand das Klima erwähnt, die pauschale Weigerung, sich diesem Problem zu stellen, die sind sprunghaft angestiegen.

Dabei ist der Klimawandel natürlich genauso ein Problem wie vorher. Man kann über die Methoden diskutieren, man kann abwägen, ob es hilfreich ist, wenn eine Maßnahme die Wirtschaft so schädigt, dass wir als Akteur ausfallen, man kann abwägen, ob es funktionieren kann, wenn eine Maßnahme die Menschen überfordert und so weiter. Aber man kann nicht leugnen, dass es sehr dringend ist, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren und dass massive Veränderungen auf die Erde zukommen. Das Problem ist nicht weg, nur weil man Leute lächerlich findet, die darauf hinweisen. Ja, vielleicht gibt es „Weltuntergangsjünger“ die sich diese Veränderungen etwas zu blumig ausmalen und vielleicht gibt es gute Gründe anzunehmen, das der Klimawandel nicht „alles menschliche Leben auslöscht“. Aber mit der Entkräftung einer solchen unsinnigen Maximalbefürchtung hat man eben nicht das Grundproblem entkräftet. Dürren, Starkregen und steigende Meeresspiegel sind auch doof, wenn noch Menschen da sind, um sie zu erleben.

Vorurteile und Klischees

Und genauso ist es natürlich richtig, Menschen nicht zu diskriminieren, sei es wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung. Man muss manchmal nachfragen, aber ich glaube, darüber besteht jüngst noch gesellschaftlicher Konsens. Und nur, weil es nicht getrennte Eingangstüren für Schwarze und Weiße bei uns gibt, heißt das nicht, dass es bei uns keine Diskriminierung gäbe. Und nur, weil man kein Rassist sein will, heißt das nicht, dass man nicht unbewusst rassistische Vorurteile hegt. Das ist zunächst nicht schlimm, jeder hat Vorurteile und ohne sie würde unser Gehirn gar nicht funktionieren. Wenn wir nicht jeden Tag unzählige Dinge annehmen würden („Der da wird ein Verkäufer sein, den spreche ich an“, „Die will abbiegen“, „Otto ist wahrscheinlich heute noch krank“), müssten wir wahnsinnig werden. Bloß sollte man sich eben der Möglichkeit bewusst sein, dass ein Vorurteil vorliegt und immer mal Dinge in Frage stellen.

Wem gebe ich meinen Rucksack?

Bei uns in Bahnhofsnähe gibt eine Gruppe von Personen, die regelmäßig nach Geld betteln. Sie sind dunkelhaarig, wirken wie ein Familienverband, die Frauen tragen lange, bunte Röcke und ihr Auftreten ist unangenehm aufdringlich. Ganz ehrlich: Wenn ich aus irgendwelchen Gründen einen Passanten bitten müsste, mal kurz auf meinen Rucksack mit Wertsachen aufzupassen, würde ich nicht diese Personen aussuchen. Das wäre schon irgendwie dumm. Meine Lebenserfahrung und meine Fähigkeit zur Mustererkennung sagen mir, dass diese Personen wahrscheinlich nicht vertrauenswürdig sind. Auf Basis von wenig Informationen und wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich lieber für jemand anderen, bei dem ich die Wahrscheinlichkeit für höher halte, dass der Rucksack hinterher noch da ist. Das klingt sehr technisch, ist aber, wenn man es sich genau anschaut, etwas, dass wir tagtäglich tausendfach machen. Wir sortieren, wägen ab, entscheiden anhand von unvollständigen Informationen und reden uns ein, dass wir das schon ganz gut machen.

Reflexion und Assoziation

Wenn ich darüber nachdenke, weiß ich, dass ich mich auch irren könnte. Vielleicht würden die sich über das unerwartete entgegengebrachte Vertrauen auch so freuen, dass sie besonders wenig geneigt wären, den Rucksack zu stehlen. Wir müssen nämlich immer berücksichtigen, dass auch wir selbst als Beobachter bereits den Ausgang des Beobachteten beeinflussen. Außerdem könnte ich mich sowieso irren. Vielleicht betteln die, aber deswegen müssen sie nicht stehlen. Was ich über diese Leute weiß, setzt sich schließlich aus einem diffusen Assoziationsraum zusammen, der von Hörspielen aus der Kindheit, aus Filmen, Hörensagen und wer-weiß-was stammt. Ich könnte mich irren, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die wirklich unangenehm sind. Ich mache einen Bogen um die. Und hier liegt der Widerspruch, den es erstmal zu ertragen gilt: Ich fälle eine Entscheidung, die sich richtig anfühlt, muss mir aber zugleich eingestehen, dass ich nicht wissen kann, ob sie richtig ist. Das ist ok, schließlich muss ich mich entscheiden und ich habe das Recht, dabei – bei Fehlen zuverlässigerer Daten – auf mein Bauchgefühl zu hören. Aber es gibt einen starken Drang, diesen Widerspruch aufzulösen und sich selbst vorzugaukeln, man hätte eine super Menschenkenntnis und man wisse genau, womit man es zu tun hat.

Womit haben wir ihr es zu tun? Ich habe um den Brei geredet, aber Sie wissen es: Das sind „Zigeuner“! Natürlich verwende ich bewusst Anführungsstriche. Ich habe keine Ahnung, ob das Sinti oder Roma sind oder ob es vielleicht noch ähnliche Volksgruppen gibt, deren Namen mir gar nicht bekannt sind oder ob es vielleicht auch ein Milieu von Menschen gibt, die die Merkmale von „Zigeunern“ tragen und überhaupt nicht zu diesen Volksgruppen gehören. Ich weiß nur wenig. Was ich weiß, ist, dass es ein Klischee gibt, wie „Zigeuner“ aussehen und es ist nicht meine Schuld, dass diese Leute am Mainzer Hauptbahnhof dieses Klischee erfüllen als wären sie extra dafür gecastet worden. Man muss das, um zu verstehen, was hier vor sich geht, zunächst mal anerkennen: Die Existenz von Vorurteilen impliziert nicht, dass es nicht auch jede Menge Leute gäbe, die den Vorurteilen entsprechen. Irgendwo kommen die ja schon her.

Überall Muster

Wenn ich mir den Bahnhofsvorplatz anschaue, sehe ich da noch jede Menge andere Leute, die in mentale Schubladen passen und denen ich meinen Rucksack auch nicht anvertrauen würde. Da sind junge arabische Männer in schwarzen Trainingshosen, die Cannabis verkaufen wollen. Ich erkenne die. Vom Kleidungsstil sehen die allerdings für mich genauso aus wie die Hälfte der Gymnasiasten. Das hat eher mit Blick und Haltung zu tun, dass sie wie Dealer scheinen. Da sind die obdachlosen älteren Alkoholiker, das sind fast nie Araber, die sind entweder Deutsche oder Osteuropäer. Es sind zumeist liebe Kerle, aber würde ich mich drauf verlassen, dass die nicht die Chance ergreifen, wenn sie meinen Rucksack kriegen? Da gibt es diese jungen Amphetaminkonsumenten, das ist auch ein ganz bestimmter Schlag. Weite Hosen sind jetzt wieder in, aber die haben die ganze Zeit über weite Hosen getragen. Ihre Kiefer mahlen, sie sind ständig wie auf dem Sprung, sie wirken etwas ungepflegt, aber sie sind nicht verwahrlost.

Es ist ok, diese Muster zu erkennen. Es ist notwendig. Es bringt einen irgendwie durchs Leben. Es wäre naiv, das gar nicht zu sehen. Aber es ist eben auch naiv, diese rudimentäre Form der Informationsgewinnung zu verallgemeinern und sich einzureden, man hätte Ahnung von der Welt, bloß weil man mit einem Gefühl von Erkenntnis herumläuft. Ich habe in meinem Leben nicht wenige Sinti oder Roma kennengelernt. Die hatten oft nichts und manchmal auch ein wenig mit dem Klischee gemein, dass die Leute oben so absurd deutlich erfüllen. Und wissen Sie was? Ich weiß, dass ich jedesmal an dieses Klischee gedacht habe, wenn ich mit Ihnen zu tun hatte. Ich habe mich gefragt, ob sie diesem Milieu entkommen sind, ob deren Eltern in einem Wohnwagen leben, ob die in ihrer Kindheit mit bunt-berockten Frauen zu tun hatten. Das sind unfaire Gedanken, die einfach auftauchen. Assoziationen.

Ich beschreibe das nicht, um damit anzugeben, aber mir ist klar, dass ich jemand bin, der solche unbewussten Assoziationen beobachtet und hinterfragt. Ich habe das gelernt, weil es Teil meiner Ausbildung ist. Aber es ist nicht selbstverständlich, das zu reflektieren und der psychologische Normalfall ist, dass das Unterbewusstsein sich ein kohärentes Bild von der Welt wünscht. Die widerspruchsfreie Sicht ist, den Sinti, der nicht dem Klischee entspricht, als Ausnahme zu sehen und das Klischee als Regel.

Zigeunerschnitzel

Wenn das passiert, sind Vorurteile mehr als nur ein erstes Mustererkennen, dann formen sie das Bild der Welt. Es ist unsere Pflicht als aufgeklärte Menschen, uns dieser Tatsache zu stellen. Es ist sinnvoll, solche Vorurteile zu betrachten, offen darüber zu reden, bei sich selbst zu prüfen, wo man sie hat. Und in diesem Zusammenhang ist es natürlich auch legitim festzustellen, dass das Wort „Zigeuner“ eine unerwünschte Wirkung erzielt. Es kommt mit einem ganzen Rucksack voller Assoziationen, es beinhaltet eine Vorverurteilung. Es ist nicht neutral.
Ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass man über Wörter einen Bann legen sollte, nur noch „Z-Wort“ sagen sollte oder „Du-weißt-schon-wer“. Das Wort „Zigeuner“ beschreibt ein Klischee und wir brauchen auch ein Wort für dieses Klischee, um es zu benennen. Aber wir sollten, im Sinne der Sinti und Roma, dahin kommen, dass dieses Wort seine Macht verliert, Bilder in unseren Köpfen über eine Volksgruppe zu erschaffen. Mir ist klar, dass es auch Roma gibt, die das Wort auf sich selbst anwenden. Mir ist klar, dass man den Weg, wie die Vorurteile abzubauen sind, unterschiedlich gehen kann und es verschiedene Sichtweisen gibt. Aber ich will festhalten, dass es vernünftige Gründe dafür gibt, das Wort „Zigeunerschnitzel“ zu vermeiden. Man kann es albern finden, wenn sich jemand übermäßig darüber aufregt, aber man kann nicht fundamental dagegen sein.

Ein Meer aus Beschimpfungen

Viele „woke“ werden sich wundern, was für eine lange Schleife ich gedreht habe, um zu dieser simplen Tatsache zu gelangen. Für sie ist das selbstverständlich. Aber ich bin überzeugt, dass viele Menschen, die sich darüber aufregen, dass man ihnen jetzt das Zigeunerschnitzel verbieten würde, sich noch nie mit den zugrundeliegenden Argumenten beschäftigt haben. Das ist zunächst mal deren eigenes Versäumnis. Es ist auch die Schuld von unseriösen Medien, die mit Genuss verkürzte Darstellungen verbreiten, wenn irgendwer wieder angeblich irgendwas verbieten will. Beteiligt sind aber auch sogenannte „Woke“, die sich mit Genuss über Menschen empören, die noch nicht auf dem neuesten Stand der Sprachregelungen sind.

Hierbei kommt es aber zu einer Verzerrung. In einer vernetzten Welt gibt es einen nahezu unbegrenzten Pool an Interaktionspartnern und eine Flut an Reaktionen. Unter diesen werden aber jene sichtbarer, die emotional aufgeladen sind. Das passiert in doppelter Weise. Zum einen schenken wir automatisch unter den vielen Interaktionen, die wir im Laufe eines Tages wahrnehmen, jenen am meisten Aufmerksamkeit, die uns aufregen. Zum anderen bevorzugen die Algorithmen der Sozialen Medien diese Beiträge, so dass sie auch objektiv sichtbarer sind. Hinzu kommt noch, dass wir in Social Media auch die Reaktionen von Leuten auf die Beiträge von Dritten lesen, mit denen wir uns vielleicht identifizieren. Sogar, wenn ich nicht selbst beschimpft werde, werde ich mitkriegen, wie andere beschimpft werden, deren Aussage ich teile, und mich gemeint fühlen.

Es ist somit fast unmöglich, sich im Internet nicht beschimpft zu fühlen und dieses Gefühl überträgt sich auch auf die realen Begegnungen. Es reicht schließlich schon, dass jemand „Paprikaschnitzel“ sagt, damit der Anti-Woke sich angegriffen fühlt. Es ist gar nicht mehr nötig, ihn zu ermahnen, weil die Praxis, selbst nicht „Zigeunerschnitzel“ zu sagen, sich schon wie ein Vorwurf anfühlt. Das erklärt sich einerseits aus den beschriebenen Begegnungen mit arroganten woken Subjekten, aber auch mit einer unbewussten Ahnung, vielleicht wirklich rassistische Vorurteile zu hegen, von denen man nichts wissen will. Diese kognitive Dissonanz ist es, die dem anti-woken Furor den Brennstoff gibt.

Ein vernichtendes Feuer

Und das Feuer dieses Furors fegt jetzt über die Welt wie ein kalifornischer Waldbrand. Hier im Blog wurde die Frage diskutiert, ob „Peak-Woke“ erreicht sei. In einem lesenswerten Artikel sezierte Gastautor Florian Friedmann die Psyche der Woken. Auch wenn ich einige Widersprüche in seinem Beitrag ausmache, kann ich mich prinzipiell damit anfreunden, dass die beschriebenen Mechanismen, wie Statusgewinn, das Verhalten der sogenannten Woken erklären können. Bloß: Warum sich eigentlich so ausgiebig mit den Motiven von Leuten beschäftigen, die prinzipiell etwas Gutes wollen? Die Kritik an „Woke“ arbeitet sich fast immer an den Woken ab – ob sie scheinheilig sind, was sie motiviert, ob sie überhaupt für andere sprechen können. Sie fragt aber nie, ob es nicht prinzipiell schon irgendwie richtig ist, gegen Diskriminierung zu sein. Das ist, als würde man, wenn es um den Pflegemangel geht, immer nur betonen, dass jemand, der Krankenschwester werden will, ja wohl einen Helferkomplex haben muss.

Wer wird Millionär?

Viele der Prinzipien, die eine legitime Kritik zu „woker“ Kritik machen, gelten umgekehrt genauso für die antiwoke Hysterie. Übermäßige emotionale Beteiligung. Übertriebene Fixierung auf ein Thema. Zur Schau gestellte Empörung.

Wie wäre es mit einem Quiz? Sind die folgenden Sachverhalte woke, antiwoke oder keines von beiden?

Jemand engagiert sich übermäßig emotional und geradezu hysterisch:

  • für Knochenmarksspenden und gegen Leukämie
  • für die AIDS-Hilfe
  • für das Überleben des Kampfhundes Chico
  • für die Rückgabe von Raubkunst
  • für den Erhalt des Kölner Doms
  • für die Abschiebung von Straftätern
  • für Ernährungsprogramme für Kinder
  • für Gendersprache
  • für den Erhalt der alten Rechtschreibung
  • für die Rettungsgasse
  • für ein Tempolimit

Wer sich hysterisch für den Erhalt des Kölner Doms einsetzt, ist ein Lokalpatriot mit einem Spleen. Kaum schwenkt man den Blick auf die Raubkunst, obwohl man im Bereich des Kulturerbes bleibt, gelangt man in „woke“ Gewässer. Sich für Kinder einzusetzen oder Leukämiekranke, wird als neutral empfunden. Es sei denn, die Kinder befinden sich in Afrika. Der Kampfhund Chico hingegen war ein Phänomen des rechten Randes. Für die Rettungsgasse einzustehen wird einem weniger den woken Vorwurf einbringen als das Tempolimit. Aber das ist ein Sonderfall. Bis zu den Klimaklebern hat sich kein Mensch für die Rettungsgasse interessiert. Wer sich hysterisch für den Erhalt der alten Rechtschreibung einsetzt, wird kaum als woke gebrandmarkt werden. Beim Gendern natürlich schon. Und was macht es in den Augen von Anti-Woken eigentlich legitim, sich über von Ausländern ermordete Kinder aufzuregen? Ist das nicht super woke und verweichlicht, sich um das Leben einer kleinen Person zu kümmern? Die Antwort lautet selbstverständlich nein. Ist es nicht woke, sich um das Leben eines Hundes zu kümmern? Offenbar nicht. Wo ist der Unterschied?

Woke ist, wenn es für die Unterdrückten ist

Tatsächlich gibt es ein Muster, wann ein Engagement als „woke“ diskreditiert wird. Nämlich immer dann, wenn es eine Minderheit in den Blick nimmt, wenn es die gewohnte, bequeme Welt der Mehrheit infrage stellt. Wenn es Rücksicht für Leute fordert, die bisher ignoriert oder unterdrückt oder benachteiligt wurden. Der Kölner Dom repräsentiert keine Minderheit. Leukämie trifft jeden. Wer aber langsamer fahren soll, um den Verkehr für alle sicherer zu machen, wer sich mit seinen Vorurteilen konfrontieren soll, wer für eine Frau potentiell in einer Führungsposition zurückstehen soll, der schimpft über woke. Die Anti-Woken behaupten, dass sie sich gegen Arroganz und übertriebene Auswüchse wehren. Aber sie tun es immer nur da, wo sie ihre Gewohnheiten zugunsten einer Minderheit verändern müssten.

Wie harmlos ist Peak Woke?

Ob Peak-Woke erreicht ist, scheint noch nicht ganz klar, aber wenn dieser Gipfel irgendwie annähernd aussieht, wie das, was wir erlebt haben, ist er offenkundig harmlos. Der Gipfel der Wokeness ist von der Grundidee vorgegeben: Im schlimmsten Fall eine Gesellschaft, die wahnsinnig sensibel und verstört auf jede denkbare Kränkung achtet, steif wie eine Barocke Hofgesellschaft, mit etlichen Regeln und Codes und möglicherweise schrecklich ineffizient. Was Peak Woke nicht sein kann: Eine unterdrückerische Gewaltherrschaft. Eine Gesellschaft, die ein übersteigertes Ideal von „Rücksichtnahme“ zum obersten Prinzip erhebt, wird vielleicht scheitern. Aber sie kann logischerweise nicht gewaltsam autoritär sein. Friedmann bescheinigt ihr ja gerade deswegen auch, lediglich kosmetisch wirksam zu sein.

Peak Anti-Woke hingegen wird furchtbar.

Peak Anti-Woke bedeutet Lager, Krieg, Massenmord.

Wir wissen es, weil es schon passiert ist. Es gibt Fotos von Peak Anti-Woke.

Wer „fundamental“ gegen Wokeness ist, kann eben nicht da aufhören, wo es um Auswüchse geht. Fundamental anti-woke zu sein, bedeutet, die Idee von Rücksicht prinzipiell abzulehnen. Es bedeutet, überhaupt nicht gegen Diskriminierung zu sein. Es bedeutet, überhaupt nichts gegen den Klimawandel zu tun. Es muss, um fundamental zu sein, bedeuten, dass man für diese Dinge ist.
Und in den USA ist es soweit. Regierungswebseiten wurden gesperrt, wenn sie Aufklärung zu harmlosen Themen wie „Impfstoffrichtlinien für Schwangere“ beinhalteten. Mit einer gewaltigen Kettensäge wird alles weggehobelt, was irgendwie menschlich, fürsorglich, rücksichtsvoll ist.

Kein Verbrecher zu sein ist woke.

"

Und das ist auch die logische Konsequenz. Wenn ich nicht gegen Auswüchse, sondern gegen die Grundidee stehe, wenn ich auf jeden anti-woken Trend aufspringe, über jedes Stöckchen springe, wenn ich „Rücksicht“ zum Übel erkläre, dann lande ich beim Bösen.

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vormals SvG
vormals SvG
4 Stunden zuvor

@ Autor: „Warum sich eigentlich so ausgiebig mit den Motiven von Leuten beschäftigen, die prinzipiell etwas Gutes wollen?“
Aus eigenem Erleben kann ich berichten, daß ich Wokis kenne, die immer nur woke sind, wenn andere Ihnen dabei zusehen müssen. Jedoch die Wokeness schnell in den Hintergrund tritt, wenn es den eigenen Interessen zuwiderläuft. Ganz prktisch das Beispiel einer Kunstschaffenden, die gerne, oft laut und viel über das Konsumfehlverhalten anderer herzog, nun aber kein Problem darin sah, Accessoires, Kleidung uÄ für ihre Projekte bei KIK und anderen Billiganbietern zu kaufen. Weil „der Staat“ ja die freie Kunst nicht mit den Mitteln ausstattet, die der Meinung der Kunstschaffenden nach diesen eigentlich zusteht. Also ein sorgenfreies Leben, in dem man seiner Passion unbeschwert nachgehen kann.
“ In der Summe gibt es auch mehr Menschen, die in miserablen Verhältnissen leben, weil sie hungern,…“
Das gibt die Statistik nicht her, ehute hungern weniger Menschen als vor fünfzig Jahren.

hase12
hase12
1 Stunde zuvor

Das Grundmuster, das zwischen den Zeilen deutlich wird, ist die Frage, ob wir uns überhaupt so etwas wie ein angenehmes Leben leisten dürfen, da immer und überall, irgendetwas nicht passt. Der damit einhergehende Hang zur Hysterie, zeugt davon, dass mnache (offenbar nicht wenige) ihr Leben selber nicht im Griff haben. Der Text erinnert an 2 altbekannte Sachen: Zum einen erinnert dieser an Martin Luthers Diktum, dass der Mensch zum Arbeiten geboren ist, wie der Vogel zum Fliegen. Ein weiterer lutherischer Grundsatz: Arbeit ist das beste Mittel gegen schlechtes Gewissen. Man könnte auch von einem inneren Zwang zur dauerhaften Selbstrechtfertigung und Selbstentlastung sprechen.

Sebastian Bartoschek
Admin
7 Minuten zuvor

Ich bin meinem Mitbaron sehr dankbar für diesen Text. Sehr. Weil er Dinge zu Ende denkt 🙂 (allerdings werte ich Absichten meist als weniger wichtig als er; ich bin da sehr utilitaristisch unterwegs.)

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