
Es ist etwas im Argen. Und irgendwie spüren wir es alle. Irgendetwas läuft schief in unserer Gesellschaft. Ulf Poschardt bringt es auf den Punkt. Ein Wort für die Wurzel allen Übels: Shitbürgertum. Sein kleines Pippibüchlein mit dem Anarchospruch auf der Rückseite liest sich wie hingerotzt und ich glaube, das war es auch. Nicht ohne Arroganz aber eben einfach auf den Punkt beschreibt es unser gesellschaftliches Problem in einem Wort. Shitbürgertum.
Wer genau wissen will, was das Shitbürgertum ist, kauft sich das Buch. Es ist an einem Tag durchgelesen. Meine Kollegin hat es auch schon besprochen. Ich versuche kurz zu beschreiben, worum es geht. Das Shitbürgertum ist eine bürgerliche Elite, die immer und überall den Moralapostel spielt, die sich immer selbst nur zu den Guten zählt, Andersdenkende aber mit Meldestellen und Einschüchterung im Zaum hält. Das Shitbürgertum hat sich in wichtigen Positionen in Medien, Politik, Wissenschaft und Kultur festgesetzt und lebt ausschließlich von unserem Geld. Und es klebt an der Macht. Es erhält sich diese, in dem es den Staat immer mehr ausbaut und den Steuerzahler immer mehr finanziell belastet, den mündigen Bürger mit Bürokratie und Reglementierungen überhäuft um ihn auf Linie zu bringen.
“Das Shitbürgertum regelt die Mikroebenen der Macht und hat mit Teilen der politischen Linken, in Deutschland vor allem der Grünen, in den USA mit dem Demokraten nach Obama, seinen politischen Arm in den Zentralen der Macht.“ Gemeint ist hier vor allem die woke Linke, bei der kein Platz mehr für autonome, antiautoritäre und anarchistische Ideen ist. Auf der Rückseite des Büchleins steht der Rio-Reiser-Spruch: “Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Das ist ein Hinweis, auf den Lösungsvorschlag von Ulf Poschardt, denn er lässt keinen Zweifel daran: Das Shitbürgertum muss weg. Und weil es vom Staat lebt, muss der Staat weg. Ist der Anarchokapitalismus also die Lösung? Ulf Poschardt meint: ja. Er bewundert Milei, der in Argentinien konsequent durchgreift. Nur durch eine rigorose Verschlankung und teilweise Entmachtung des Staates, kann dieser gesunden und das Shitbürgertum in seine Grenzen verwiesen werden.
Ich war gespannt, den Herausgeber der Welt Ulf Poschardt live zu sehen und ihn über sein kleines Büchlein, was er ganz ohne Verlag schon 38000-mal verkauft hat, sprechen zu hören.
Nein, es war keine Antifa-Falle für Ulf Poschardt, der der Einladung in den Felsenkeller Mitten im Stadtteil Plagwitz in Leipzig folgte. Ein Stadtteil, in dem ich allein in der Stunde vor der Veranstaltung fünf Palitücher und mindestens drei Kindertransport-Fahrräder gesehen habe. Es war ein Veranstaltungsort, der passender nicht hätte sein können. Wie der Moderator Philipp Hanslik so schön beschreibt: Es ist “ein Safespace mitten im Herzen der Bestie, in dem Shitbürger-Viertel schlechthin“. Die Buchvorstellung fand also im Felsenkeller statt, wo im Dezember noch die Kassierer und im Januar Slime gespielt hatten.
Anarcho-Ulf, der Einzelkämpfer gegen das Shitbürgertum tritt entertainerhaft auf und spricht über seine linke Sozialisation, die 68er-Demonstration im Kinderwagen und seinen Teddy namens Willi Brandt. Mit seinem Buch will er auf der performativen Ebene etwas verändern. Das Besondere und Bemerkenswerte daran ist, dass der „wütende Ton und der rebellische Gestus“ aus der Mitte der Gesellschaft kommt und nicht von den Rändern. Es ist ein Buch für die politisch Heimatlosen. Die Wahrnehmung vieler, dass eine Entkopplung der Politik und der Medien von der Realität stattfindet, kann ich durchaus bestätigen.
Wie im Buch fragt der Autor gleich am Anfang: Woher kommt dieser Moralismus? Er sieht die Ursache in der Schmach des verlorenen Krieges. Die ultimative Kränkung für das narzisstische Deutschland. Beispielhaft dafür steht Günter Grass. So wie die deutsche Gesellschaft, hat auch Günter Grass sich selbst etwas vormacht und sich und die ganze Welt belogen. Er hat über alles und jeden gerichtet, nur nicht über sich selbst. So erklärt sich Ulf Poschardt auch, dass nach dem 7.10.23 keine uneingeschränkte Solidarität mit Israel stattfand, sondern die Diskussion in der deutschen, steuerfinanzierten Shitkultur war: Was können wir für unsere Freunde von der Hamas tun?
Ulf weist auf die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen bei der Veranstaltung hin. Sie sind ein Symptom für die Idee der Einschüchterung durch das Shitbürgertum, dafür, wie es versucht jeden Abweichler so zu entmutigen, dass er aufgibt. In diesem Zusammenhang spricht Poschardt über Professoren, Evolutionsbiologen, die aufgehört haben, über die Kulturgeschichte der binären Sexualität zu unterrichten, jüdische Freunde, die sich nicht mehr sicher fühlen, über Kollegen, die massiver physischer oder rechtsstaatlicher Gewalt ausgesetzt sind, weil sie Meinungen vertreten, die dem Shitbürgertum nicht passen. Und in solchen Fällen soll Gewalt ok sein? Es darf nur Meinungsfreiheit geben, wenn es dem Shitbürgertum passt? Manches sieht der Autor auch mit Humor. Mit Verweis auf das projizierte Hitlerbärtchen bei Böhmermann, meint er: “Wenn man erstmal Hitler war, hat man nichts mehr zu verlieren.“ Das kann ich nachvollziehen, denn es geht mir ähnlich. Wenn man erst einmal für sich akzeptiert hat, eine Persona non grata zu sein, dann kann man sich fast alles erlauben. Man ist frei.
Ulf meint ein Verdrängen von gesellschaftlichen Missständen und Realitäten darf nicht sein, trotz aller Einschüchterung. Denn: “Ohne Freiheit ist alles nichts“. Und wir verlieren sie gerade, unsere Freiheit. Das Shitbürgertum hat auch mittlerweile die Macht dazu: medial, politisch und auch rechtlich durch entsprechende Staatsanwaltschaften. Hier verweist er auf die US-Reportage 60 Minutes, die skandalöse Zustände zur Meinungsfreiheit in Deutschland aufdeckt.
Und nicht nur Meinung, auch die Realität bleibt auf der Strecke. Antisemitismus ist ein Problem der Rechten? Geschlecht ist ein Spektrum? Verdrängung und Lügen bauen aufeinander auf und werden durch die Machtinstrumente der Shitbürger immer mehr zu einer alternativen Wahrheit, die niemand bezweifeln darf.
Ulf Poschard lästert auch ein bisschen über Jette und Jakob und Herrn Lühmann von den Grünen, der alle Screenshots auf X von ihm hat und damit droht. Interessant war zu erfahren, dass dieser Herr Lühmann Politikexperte des ÖRR ist. Poschardt hält die öffentlich-rechtlichen Medien für nicht reformierbar. Und deswegen müssen sie zerstört werden. Wenn Dinge nicht reformierbar sind, muss man sie kaputt machen und wenn es die radikale Mitte nicht tut, werden uns die Ränder kaputt machen, so Poschardt.
Nach dem kurzweiligen Monolog beginnt das Gespräch mit dem Moderator Philipp Hanslik. Er beginnt mit einem Zitat der Band Slime: “Ihr seid Lehrer und Beamte – Seid Gelehrte sogenannte – Ihr schreibt Bücher, seid im Fernsehen – Und ihr glaubt, dass wir euch gern sehen – Immer kritisch und politisch – Marx und Lenin auf dem Nachttisch – Doch ihr habt was gegen Rabatz – Und macht den Bullen gerne Platz – Ihr seid nichts als linke Spießer…“ Haben Slime 1983 das Shitbürgertum schon treffend beschrieben? Philipp meint, was Linkssein früher mal versprach, was Punk zu sein einmal versprach, war, es selber zu machen, im Underground und gegen die Herrschenden zu agieren. Heute spielen staatstragenden Punkbands bei Jan Böhmermann. Das Buch von Ulf Poschardt gibt tatsächlich Antwort auf die Frage, die ich mir oft stelle: Wie konnte die Punkbewegung so ins komplette Gegenteil verkehrt werden? Das Shitbürgertum hat sich den Punk kulturell angeeignet und missbraucht ihn für seine Zwecke.
Für Ulf Poschardt war allerdings der echte Punk schon vorbei, eh es so richtig losging. Malcolm McLaren war mit seinem Situationismus, also Dinge völlig umzukehren, noch Punk für Ulf. Die Postcard-Punks der 90er waren für ihn nur eine Modeerscheinung. Einig sind sich die Beiden auf der Bühne, dass Kulturschaffende, alle Künstler frei sein müssen, um ordentlich Kunst zu machen. Die Steuerfinanzierung ist der Tod für die Kunst. Also fordert Poschardt die Streichung jeglicher Kultur-Förderung.
Ulf Poschardt sagt auch, es ist ein linkes Buch und das nicht nur, weil es äußerlich schäbig ist, so wie früher die taz, als sie noch interessant zu lesen war. Der Spruch auf der Rückseite: “Macht kaputt was euch kaputt macht“ ist aus Rio Reisers militantester Zeit. Autonomie und die radikale individuelle Freiheit sind ursprünglich linke Ideen. Der Gestus, dass man die Bourgeoisie scheiße findet, war links. Und jetzt? Jetzt haben wir ein linkes Bildungsbürgertum, das keinen revolutionären Gedanken mehr hat. Ein Linker sagte zu Ulf: “Wir sind einig im Zorn auf diese überhebliche Bourgeoisie, die von uns allen finanziert wird, um uns zu erklären, wie wir zu denken, zu leben, zu twittern, zu fahren usw. haben“.
Poschard selbst sagt: „Ohne die Linke hätte ich das Buch so gar nicht machen können… Ich glaube eine kluge aufgeklärte Linke kann ebenso helfen, wie eine kluge aufgeklärte Rechte, damit wir in der liberalen, libertären und freiheitlichen Mitte gemeinsam zur Vernunft kommen.“
Die linke Widerstands- und Rebellionsästhetik begrüßt er, insbesondere und zur Freude der anwesenden Radikalfeministinnen die feministische Emanzipation. Der Autor nennt es einen fantastischen Triumph, der mehr Freiheit für alle Frauen gebracht hat. „Ein archaisches Männerbild ist für Männer eigentlich auch beschämend… Die Emanzipation der Frauen hat die Männer mit befreit“ Er berichtet auch über die Emanzipation der Schwulen und Lesben mit dem Kerngedanken, dass wir alle freier werden wollten. Und hier stellt er die Frage: Wann ist das ins Gegenteil gekippt? Seine These: nach dem Erfolg der Revolution durch die Absicherung des Erfolges beginnt die Restauration. “Liberale Rebellion bedeutet jedoch, Emanzipationsprozesse dürfen nie aufhören. Das hat die Linke vergessen und wir müssen sie daran erinnern.“
Philipp fragt schließlich auch nach einem rechten Shitbürgertum. Ja, das gibt es, meint Ulf. Paradebeispiel ist die rechts-woke Heulsuse Alice Weidel. Ja, es gibt woke Rechte und sie sind genauso ekelhaft. Der rechte Shitbürger denkt eben auch, er darf von oben herab über andere richten. Die Rechts-woken entwickeln genau wie die Links-woken keine eigene Spur, keine eigenen Gedanken, keine eigene Ästhetik oder eigenen Humor. Und ich möchte an dieser Stelle ergänzen: Der Antisemitismus eint sie alle.
In der Fragerunde mit dem Publikum macht Poschardt nochmal klar, dass es radikale Reformen braucht, wie dem ÖRR das Geld zu entziehen, Universitäten und Kirchen vom Staat entkoppeln. “Es geht so nicht weiter.“ Den anwesenden JuLis empfiehlt Ulf mehr Aggression und Konsequenz, eine kämpferische Haltung und Angriffslust. Ob der knallharte Neoliberalismus die Antwort auf alle Fragen ist, möchte ich in diesem Zusammenhang ein wenig bezweifeln. Es muss sich aber auf jeden Fall etwas ändern. Und zwar radikal. Aus der Mitte der Gesellschaft heraus.
Am Schluss stellt jemand die Gretchenfrage zur AFD. Der politisch heimatlose Poschardt findet die AFD nicht nur ideologisch untragbar, sondern politisch auch einfach schlecht. Er spricht von einer Brandmauer von beiden Seiten, denn solange die AFD nicht zu einer Partei wird, mit der man reden kann, baut sie selbst eine Brandmauer auf. Gauland hat nie Stopp gerufen, als die Radikalisierung kam. Man kann mit der AFD wegen der Inhalte und der Leute, die einfach nicht gehen, nicht sprechen. Die ganze Abkanzelung der AFD in den Parlamenten, dass es keinen Bundestagspräsidenten gibt z.B. hält er jedoch für undemokratisch. Im Umgang mit der AFD empfiehlt er, keine Zusammenarbeit, aber eigene Positionen ins Parlament zu bringen und zur Abstimmung zu stellen.
Andere Rechstpopulisten machen es besser. Hier nennt er Meloni und Wilders. Sie gehen mit ihrer politischen Ausrichtung in die Mitte. Deshalb werden sie wohl auch von der AFD gehasst. Die deutsche Rechte rückt hingegen immer weiter an den rechten Rand. Eine düstere Prognose sieht er in Frankreich: die beiden Ränder sind derart stark und beides sind Etatisten, beide lieben den Staat und Macron ist fast handlungsunfähig. Le Penne kann auch Milei nicht verstehen, weil sie eine rechte Sozialistin ist. Ob Macron durch ihre Verurteilung aufatmen kann, bleibt abzuwarten.
Vom Felsenkeller bekommt Ulf Poschardt am Ende eine Flasche Rosa-Luxemburg-Schnaps und ein Milei-T-Shirt als Dankeschön. Wie passend.
Auch wenn wohl mittlerweile vielen aufgefallen ist, dass etwas schiefläuft, Ulf Poschardt ist die lauteste Stimme gegen das Shitbürgertum. Die Hippies haben nicht gewonnen, aber besiegt sind sie noch lange nicht. Das Shitbürgertum ist immer noch viel zu präsent, viel zu mächtig und viel zu gut bezahlt. Das Buch von Ulf Poschardt ist mehr als nur ein Stänkern gegen “Die da oben“. Es ist eine Keimzelle der Anarchie so wie der Felsenkeller in Leipzig auch an diesem Abend. Ich habe die Buchvorstellung als unglaublich befreiend erlebt und mich so richtig gut gefühlt, wie nach einem Punk-Konzert. Denn ich weiß jetzt, ich bin nicht allein mit meiner Meinung: Wir brauchen die radikale Mitte.