Die freie Wirtschaft (Auszug)
Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.
Kurt Tucholsky in: Die Weltbühne, 4. März 1930, Nr. 10, S. 351
Guten Morgen, der Knaller wird mit ca. 4800 Treffern bei Mac Google schon seit langem als Fake entlarvt……
sh. auch https://www.mementodiem.de/archiv/2008/10/28/kurt-tucholsky-weisheit-aus-die-weltbuehne/
Vielen Dank für den Hinweis. Es ist jetzt der richtige Tucholsky-Text drin.
Ach, war der angeblich aus FPÖ-Kreisen stammende Text zur Finanzkrise hier vorher zu sehen?
Schön, dass wir drüber gesprochen haben oder, um es im Groening’schen Sprachgebrauch auszudrücken:Laaangweilig
@Jens: „FPÖ“ weiß ich nicht, aber, ja, da bin ich leider einem Fake aufgesessen. Wenn der Text, den man Tucholsky angedichtet hat, tatsächlich echt gewesen wäre, hätte der viel besser gepasst zur jetzigen Wirtschaftslage und…
@Nostromo I:…wäre auch weniger langweilig gewesen. (Groening forever.) Ansonsten ist dennoch interessant, wie gut manchmal Sachen, die vor langer Zeit geschrieben wurden, zur aktuellen Lage passen. Geschichte wiederholt sich.
@ Ralf.
dein letzter Satz ist unvollständig. Es muss heißen. Geschichte wiederholt sich nicht. 🙂
Text hin Text her, die Frage lautet doch, wieso haben wir heute nicht so jemanden wie Tucholsky. Und wenn es ihn selbst noch gäbe, mal rein hypothetisch, was würde er heute über diese Welt schreiben? Oder würde er sich dieses Mal durch Totlachen von ihr verabschieden?
Heute haben wir die Kaberettisten im Fernsehen. Wer Gedichte schreibt, steht in der Buchhandlung ganz hinten im letzten Regal.